DIE ZEIT: Article on Thomas Pogge

Nr. 18 - 23. April 2009

WER DENKT FÜR MORGEN? 

Der Weltverändererdenker

Der Philosoph Thomas Pogge meint: Man muss sich mit Armut und Hunger nicht
abfinden. Das Elend ist ungerecht. Man kann es aus der Welt schaffen

VON THOMAS ASSHEUER

Wer in der Connecticut Hall einen Nagel in die Wand schlägt, dem klopfen
die Denkmalschützer auf die Finger. Das dreigeschossige Gebäude aus dem
Jahr 1752 ist das älteste Haus in New Haven und sieht aus wie eine Trutzburg
gegen die Wirren des Weltlaufs. Früher lehrten die Theologen hier, heute
tun es die Philosophen. Die Connecticut Hall auf dem Campus der Yale-
Universität ist ein Kloster der Vernunft, sie ist Weltnische und Elfenbeinturm. Die
Reiseführer flüstern, in ihr habe die Liebe zur Weisheit ihren Sitz, schöner noch:
die Metaphysik.

»Massenmord«, sagt Thomas Pogge, die Weltordnung sei eine Form von
Massenmord. 50000 Menschen stürben täglich an armutsbedingten Krankheiten;
300 Millionen Armutstote habe es seit dem Ende des Kalten Krieges gegeben.
»Wir, die Bürger in den reichen Ländern, sind an diesem Verbrechen mitschuldig.«
Pogge ist ein Bewohner des Elfenbeinturms, der weltweit vielleicht bekannteste
Philosoph, der über Armut und Hunger nachdenkt, und kaum ein anderer redet den
Menschen so ins Gewissen wie er. Armut, sagt er, sei kein Naturereignis und die
Weltgesellschaft kein moralfreier Raum. Denn wer in ihr die Regeln setze, wer über
Exportkredite, Rohstoffkauf, Importquoten, Anti-Dumping-Zölle, Subventionen und
so weiter entscheide, der entscheide über Leben und Tod.

Vor einem Jahr lehrte Pogge noch an der Columbia-Universität in New York. Dann
machte ihm Yale ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Nun sitzt er, eine gute
Zugstunde von seinem alten Arbeitsplatz entfernt, in New Haven (Connecticut)
als Leitner-Stiftungsprofessor im geistigen Herrgottswinkel, in einem Eckzimmer,
vollgestopft mit Büchern, womit auch sonst. Yale ist die drittälteste Universität
der USA, ihr Leitspruch heißt »Licht und Wahrheit«. Yale ist unfassbar reich und
das Studium unfassbar teuer, es kostet bis zu 44000 Dollar, und damit kein Irrtum
aufkommt: im Jahr.

Thomas Pogge, der bei minus zwölf Grad auf dem Fahrrad angeradelt kommt,
ist ein Ärgernis, das überallhin eingeladen wird. Er hat 25 Blockseminare in elf
Ländern gegeben, seine Gastaufenthalte führten ihn nach Princeton, Canberra,
Oxford, Washington, Cambridge und Oslo. Pogge, Jahrgang 1953, hat als Schüler,
was damals in Deutschland üblich war, viele Bücher von Karl Marx gelesen, aber
noch mehr, das war nicht ganz so üblich, die Schriften von Immanuel Kant. »Marx
schärft die moralische Empfindsamkeit, aber erst mit Kant lernt man denken.«
Pogge ist viel gereist, oft nach Asien, und wenn er Armut sagt, weiß er, wovon er
spricht.

Nach seinem Soziologiestudium in Hamburg wurde Pogge Gaststudent am
philosophischen Department der Harvard-Universität, damals das Herz der
amerikanischen Philosophie. Quine, Goodman, Putnam, Nozick, Dreben, Cavell,
Nussbaum und Goldfarb lehrten dort und natürlich John Rawls, der berühmte
Gerechtigkeitstheoretiker. Der deutsche Gast begegnete dem humpelnden Rawls
zufällig im Flur, er hatte den Fuß in Gips, man kam ins Gespräch, der Student
erlaubte sich eine sanft kritische Anmerkung, Rawls wurde hellhörig und fand’s
originell.
Pogge promovierte bei Rawls und schrieb eine schöne, klare Einführung
in sein Denken. Doch die lange Freundschaft brachte auch eine intellektuelle
Enttäuschung. Der Schüler wollte seine Vaterfigur dazu überreden, nicht nur über
innerstaatliche, sondern auch über internationale Gerechtigkeit nachzudenken.
Rawls blieb stur. Reiche Länder, sagte er, hätten lediglich Hilfspflichten gegenüber
den Armen, a duty of assistance, mehr nicht. Am Ende seines Lebens wurde
Rawls dann elegisch und tröstete sich mit der »reinen Möglichkeit« einer gerechten
Weltordnung. Irgendwann.

»Warum nicht schon heute? Warum finden wir uns mit dem Unerträglichen ab?«,
fragt Pogge. Haben wir uns so sehr an das Elend gewöhnt, dass wir uns eine Welt
ohne Massenvernichtungswaffen, ohne die Millionen Hungertoten gar nicht mehr
vorstellen können? Eine Welt ohne No-go-Areas? Eine Welt, deren ökonomische
Spielregeln nicht allein von der Verhandlungsmacht großer Staaten und Firmen
diktiert werden?

Pogge macht eine einfache Rechnung auf. 2,6 Milliarden Menschen, das sind
fast 40 Prozent der Menschheit, müssten täglich mit weniger als zwei Dollar
(Kaufkraft 2005) auskommen. 884 Millionen Menschen hätten keinen Zugang zu
sauberem Wasser, zwei Milliarden keinen Zugang zu Medikamenten. Unerbittlich
steige die globale Ungleichheit; trotz Zuwachs im Durchschnittseinkommen
der Weltbevölkerung nehme die Armut zu. Armut heißt nicht einfach, am
Hungertuch zu nagen; Armut heißt Krankheit, Analphabetismus und ständiger
Überlebenskampf. Ungestraft dürften die Rechte der Habenichtse ignoriert werden,
denn sie seien zu schwach für einen Aufstand. Um ihre Gewinne zu maximieren,
»halten die nationalen und globalen Eliten Milliarden von Menschen in Armut
und setzen sie Hunger und Infektionskrankheiten, Kinderarbeit und Prostitution,
Menschenhandel und Tod aus«.

Moralisch gesehen, sagt Pogge, zählten die Interessen eines jeden Menschen
gleich, überall, auf der ganzen Welt. Wir sind zur Hilfe verpflichtet, aber viel
radikaler, als Philosophen sich das gemeinhin vorstellen. Wie weit diese Hilfe
geht, darüber hat er sich mit seinem australischen Kollegen Peter Singer einen
Streit geliefert, der in der philosophischen Szene für Aufsehen sorgte. Singer
ist der Auffassung, die Reichen müssten den Armen im Ausland so helfen, wie
ein Spaziergänger einem Kind helfen muss, das in den Teich gefallen ist. Für
Pogge ist das Bild viel zu gemütlich. Wir, die Angehörigen der wohlhabenden
Nationen, seien nicht nur unschuldige Helfer; wir seien Mittäter, weil wir durch
die Aufrechterhaltung ungerechter globaler Spielregeln zum Fortbestand
der Weltarmut aktiv beitrügen. Geht es nach Singer, dann gibt es lediglich
eine positive Hilfspflicht den Armen gegenüber. Geht es nach dem Kantianer
Pogge, dann existiert zusätzlich – wie Philosophen sagen – eine »negative
Gerechtigkeitspflicht«. Sie lautet: Wir dürfen anderen keinen Schaden zufügen und
müssen sie vor den Folgen unserer Handlungen schützen.

Ein Fall moralischer Überforderung? Nein, sagt Pogge, es gehe nicht um
Barmherzigkeit, es gehe um Institutionen, um ökonomische Regeln jenseits der
Nationen und unterhalb des Weltstaates. Schon wenige Reformen reichten aus,
um eine Revolution ins Werk zu setzen. Den Menschen, die mit weniger als zwei
Dollar am Tag auskommen müssten, fehlten im Jahr gerade einmal 300 Milliarden,
damit sie nicht mehr unterhalb der Armutsgrenze leben müssten. Eine ungeheure
Summe? Nein, es sind gerade einmal 0,6 Prozent des Welteinkommens, viel
weniger, als die USA für ihr Militär ausgeben, ganz zu schweigen von den
Summen, die derzeit an die Banken verfüttert werden. Dabei soll Geld nicht
umverteilt werden; es soll das Markt- und Institutionengefüge so geändert werden,
dass die Ärmsten der Armen davon profitieren.

Oder eine andere Rechnung: Um das größte Elend aus der Welt zu schaffen,
müssten die einkommensstarken Länder ihren Lebensstandard lediglich um ein
Prozent einschränken, ein Prozent, mehr nicht. »Ist es wirklich unrealistisch,
zu hoffen, dass man die Bürger der reichen Länder dazu bewegen kann, diese
Reformen zu akzeptieren?«

Die Gegenargumente kann Pogge im Schlaf aufsagen. Gab es Armut nicht schon
immer? Ja, aber die extreme Kluft zwischen Arm und Reich sei historisch einmalig
und eine Folge der ungerechten Weltordnung. Hat der freie Markt die Armut nicht
effektiv beseitigt, zum Beispiel in China?
Nur zum Teil, sagt Pogge, der Markt
schaffe zugleich neue Ungerechtigkeit. Ausgerechnet die Weltbank streue den
Menschen Sand in die Augen, weil sie die Armutsgrenze so niedrig ansetze, dass
die Anzahl der Armen zwischen 1990 und 2005 rückläufig sei.
Noch ein beliebter Einwand: Sind die reichen Länder, wie der verstorbene
Philosoph Richard Rorty einwarf, überhaupt reich genug? Ergeht es ihnen vielleicht
so wie der barmherzigen Frau, die nur einen einzigen Laib Brot besitzt und diesen
mit hundert Hungernden teilen will – was dazu führt, dass am Ende alle sterben,
auch die Frau?

Pogge winkt ab, in diesem Punkt habe der verehrte Rorty keine Ahnung gehabt.
»Im Jahr 2000 besaß das oberste Zehntel der Menschheit 85 Prozent des
weltweiten Reichtums und das unterste Zehntel nur 0,03 Prozent. Das ist ein
Verhältnis von 2836 zu 1.« Einige Hundert Superreiche besitzen drei Prozent des
weltweiten Privatvermögens, und selbst wenn sie in der Krise vorübergehend
ärmer würden: »Die Welt ist reich genug, um ihre größte Schande, den Hunger,
abzuschaffen«.

Pogge arbeitet in einem akademischen Idyll, aber im Wolkenkuckucksheim
der Utopie lebt er nicht. Seine Bücher und Aufsätze sind von angelsächsischer
Nüchternheit, und darin sucht er nicht Alternativen zum Kapitalismus, er sucht
Alternativen im Kapitalismus. Zugegeben, die Weltwirtschaftskrise mache die Lage
schwieriger, andererseits habe sich der Wind endlich gedreht. Die Hegemonie
des Neoliberalismus sei passé, und die Ökonomen, die sich wie Theologen
aufgeführt und die Übel der Welt vollmundig gerechtfertigt hätten, seien kleinlaut
geworden. »Die Lage ist wieder offen«, und man könne die »unscheinbare Kraft
des ethischen Sollens« gezielt einsetzen.

»Judo« nennt Pogge das, und Judo heißt: die gegnerischen Kräfte aufnehmen
und deren Richtung ändern. Judo heißt zum Beispiel, die Vergabepraxis von
Krediten zu korrigieren, um zu verhindern, dass korrupte Herrschercliquen sich
mithilfe westlicher Banken an der Macht halten. Judo heißt auch: die Regeln für
den Rohstoffkauf ändern, damit der Erlös der ganzen Bevölkerung zugutekommt,
nicht mehr nur der Elite, der Crème de la Crème.

Pogges liebstes Judo-Projekt, sein größter Coup, ist der Health Impact Fund,
und falls er sich verwirklichen ließe, dann wäre es ein kleiner Schritt für die
Pharmaindustrie, aber ein großer Schritt für die Menschheit. Bislang sind
Arzneimittel für die Armen unerschwinglich, weil Pharmafirmen sich ihre
Medikamente patentieren lassen und sie zum »optimalen Monopolpreis« verkaufen
– für den idealen Patienten, der alles bezahlt, nie gesund wird und nie stirbt.
Pogges Gegenvorschlag: Die Pharmafirmen können ihre Produkte überall zum
niedrigstmöglichen Preis verkaufen, im Gegenzug bekommen sie vom Health
Impact Fund zehn Jahre lang eine Prämie, die der – durch ihr Produkt erzielten –
Minderung der globalen Krankheitslast entspricht.

Das weltweite Echo, das seine Idee auslöste, hat Pogge überrascht, und
inzwischen arbeitet er mit einer internationalen, interdisziplinär aufgestellten
Gruppe an ihrer Durchsetzung. Auch das deutsche Entwicklungshilfe-Ministerium
zeigt starkes Interesse, obwohl man Zweifel hegt, ob die Wirkung eines
Medikaments so exakt zu berechnen ist, wie der Erfinder sich das vorstellt.
Auf
jeden Fall braucht Pogge ein Zugpferd, das seine Idee vorantreibt, am besten ein
Land, das sich davon einen Image-Profit verspricht. Warum nicht China? Bald reist
Pogge nach Peking, einen Termin hat er schon.

Pogge verkörpert einen neuen Typus des Intellektuellen, einen, der nicht mehr
allein an die Öffentlichkeit appelliert, sondern der sich selbst ins Handgemenge
begibt und die Theorie praktisch macht. Pharmafirmen laden ihn ein, und Pogge
kommt, denn wenn die Manager schon seine Argumente nicht widerlegen können,
soll er wenigstens die Macht der Fakten zu spüren bekommen. »So einfach ist das
nicht, Herr Philosoph!«

Philosophie, sagt Pogge, sei Liebe zur Weisheit, und weise sein heiße verstehen,
was wichtig ist. Viele Philosophen verwechselten das mit der Frage, was »für
uns« wichtig sei, aber das sei nur ein Teil der Wahrheit. Es komme darauf an,
den Narrenstatus des Philosophen zu nutzen und zu sagen, was Ökonomen und
Politikwissenschaftler niemals sagen dürften: »So mächtig und selbstgerecht die
globale Elite der Privilegierten auch sein mag; so schwach und furchtsam die
Masse der Menschen am anderen Ende auch ist: Unrecht bleibt Unrecht.«
Klar, Pogge kennt den Einwand der Meisterdenker, von Nietzsche bis zu den
Postmodernen: Gerechtigkeit, lautet er, ist die Feindin des Lebens. »Mit diesem
Zynismus ist noch jede Sauerei gerechtfertigt worden.«
Umgekehrt sei es richtig.
»Genießen kann man sein Glück nur, wenn man es nicht auf Kosten anderer tut.«

ZEIT ONLINE 2009
DIE ZEIT, 23.04.2009 Nr. 18 - 23.
April 2009

 
 

 

Published May 5, 2009 12:00 PM - Last modified Dec. 16, 2011 11:40 AM