Isidor Landau

Freie Bühnes oppsetning av Gespenster på Lessing-Theater i Berlin anmeldt av Isidor Landau i Berliner Börsen-Courir 30. september 1889.

Vor den Coulissen.

Der Verein «Freie Bühne» hat soeben kurz nach zwei Uhr Nachmittags seine erste, constituirende Generalversammlung beendet. Er hat einen reichen Gründergewinn an dramatischer Spannung, an künstlerischem Genuß eingestrichen und konnte der Verwaltung durch einen wahren Orkan des Beifalls, durch einen Begeisterungsausbruch von seltener Heftigkeit Decharge ertheilen. Die guten Geister des Erfolges haben offenbar gleich im «Lessing-Theater» übernachtet, um heute früh da zu beginnen, wo sie gestern Abend aufgehört haben. Auch das Publikum schien einfach noch von gestern Abend dageblieben oder doch nach einer etwas längeren Zwischen-Acts-Pause, nach einem kleinen Vormittags-Schläfchen wiedergekehrt zu sein, um ernsten Sinnes Ibsen zuzuertheilen, was sie gestern in frohgemuther Geberlaune Franz von Schönthan gespendet, einen kräftigen Erfolg. Freilich einen, der auch gegen kräftigen Widerspruch zu kämpfen hatte. Die alten, ernsten Bedenken gegen das überkrasse Drama der Krankheitsvererbung drängten sich auch diesmal in scharfe Zischlaute zusammen. Die eigentliche Signatur des Tages bleibt aber der enthusiastische Erfolg, ähnlich in der äußeren Physiognomie, wenn auch sogar nicht ähnlich im Sinn und Geiste demjenigen, den das «Lessing-Theater» gestern errang.

Nur daß über Nacht zum Verein geworden war, was gestern noch Publikum gewesen. Und zum interessantesten Verein wohl, den Berlin jemals besessen. Da sehen wir die literarische Gemeinde der Reichshauptstadt so vollzählig beisammen, als sei der Vereinszweck so unliterarisch wie möglich denn in Schriftsteller-Vereinen haben wir unsere Literaturgrößen noch niemals auch nur annähernd so zahlreich vereint gesehen. Da sind alle die, welche in unserer berliner Gesellschaft das aufrichtige Interesse für Literatur und Kunst repräsentiren, da sind die verführerischsten Vertreterinnen der schönen Welt von Berlin, diejenigen, bei denen wir den Zauber der herrlichen Form erhöht sehen durch den verklärenden Schimmer eines hochentwickelten geistigen Lebens. Zusammengehöriger als jemals vorher im Theater fühlen wir uns heute, vertrauter als sonst sehen wir uns um im Kreise der Vereinsgenossen da, ein Klingelzeichen. Der Vorhang geht auf, die Auszahlung der ersten, idealen Dividende, die der Verein «Freie Bühne» uns gebracht, beginnt im blanken Golde Ibsenscher Poesie, im blanken Edelmetall Reden ist und bleibt ja nun einmal Silber der auserlesensten Darstellungskunst.

Eine Dividende? Nein das ists im Grunde freilich nicht. Eher eine Art von reichem Gründergewinn. Der Verein «Freie Bühne» hat heute noch keineswegs seine Thätigkeit begonnen, er hat sie nur durch einen feierlichen Act eingeleitet, die rechte Stimmung für sie vorbereitet. Die Aufführung der «Gespenster» verhält sich zur Aufgabe der «Freien Bühne», wie das Motto zum Buche. Wollte man das heutige Debüt anders auffassen, dann müßte man ja sagen, der Verein «Freie Bühne» habe seine Thätigkeit damit angefangen, seine Ueberflüssigkeit zu beweisen. Was will die «Freie Bühne»? Werke, die sonst dem Publikum unzugänglich sind, weil die Bühnen sich der Aufführung widersetzen, weil die Polizei sie verbietet, der Welt vorstellen? Nun, «Die Gespenster» sind vor drei Jahren hier, sind in vielen anderen Städten aufgeführt worden. Will die «Freie Bühne» verkannten Dichtern Geltung verschaffen? Ibsen ist seit Jahren ein Hätschelkind der Gunst bei unserem literarischen Publikum und der ständige Held der öffentlichen Discussion. Die Wahl der «Gespenster» konnte nur den Sinn einer Programm-Interpretation haben, konnte nur sagen wollen, das Neue wolle an einen älteren Versuch in gleicher Richtung anknüpfen. Denn Annos einmalige Aufführung der «Gespenster» im «Residenz-Theater» war eine Art von Vorstudie zur «Freien Bühne». So führte denn Ibsen gleichsam das Unternehmen ein, schrieb gleichsam das Vorwort das Publikum, Pardon der Verein, kam dabei aber zum Genuß der ergreifendsten Gespenster-Aufführung. Anders als unter der Flagge eines besonderen Vereins ist in Berlin nun einmal eine Aufführung der «Gespenster» von Ibsen nicht zu ermöglichen. In Frankfurt am Main darf das Stück alltäglich angekündigt, öffentlich aufgeführt werden, nur das Publikum der Reichshauptstadt glaubt eine fürsorgliche ästhetische Marktpolizei vor der skandinavischen Kost behüten zu sollen. Die Inconsequenz glauben auch wir hervorheben zu müssen, obwohl wir im Uebrigen keineswegs für eine häufige Aufführung der «Gespenster» eintreten wollen. Keineswegs!

Wir haben im Laufe der Jahre wiederholt unsere Stellung zu Ibsen und diesem Werke gekennzeichnet. Jede neue Aufführung, der wir ganz im Banne dieser Dichtung beiwohnen, erhöht unsere Bewunderung für das Stück, bestärkt unsere Ueberzeugung von seiner Verderblichkeit. Eine gigantische Kraft, ein reiches Genie hat es hier unternommen, eine Abscheulichkeit zu gestalten. Das Drama der ererbten Gehirnerweichung kann seine Hörer packen, fesseln, martern, nur irgend einen Zweck der Kunst kann es nicht erreichen. Und wir sehen wahrlich nicht etwa Zerstreuung und poetische Erhebung als die einzigen Zwecke der Kunst an. Fataler noch als die Wirkung auf das Publikum ist die auf die junge Literatur. Wenn Ibsen Schule macht, dann können wir es erleben, daß Leute ohne seine Gedankenfülle, ohne seine imponirende Gestaltungskraft sich für große Dichter halten, wenn sie die Cholera oder das Delirium tremens auf die Bühne bringen.

Ibsens «Gespenster» sind als dichterisches Gewebe ein wahres Wunderwerk. Wie da ein Wort ins andere greift und seine Beziehung bis zum letzten Worte hin weiterstreckt, jede neue Wiederholung läßt es uns mehr erkennen. Im harten Aufeinanderplatzen gewaltiger Conflicte welch eine Wucht und Größe:

   Pastor Manders: Dreihundert Species. Und dafür konnte er ein gefallenes Mädchen heirathen.
   Frau Alwing: Und ich, die ich einen gefallenen Mann nahm?
   Pastor (consternirt, nach Verständniß suchend): Einen gefallenen Mann? Einen gefallenen Mann??
Später
   Frau Alwing: Und was wird aus der Wahrheit?
   Pastor Manders: Und was wird aus den Idealen?

In diesem Aufeinanderrücken zeitbewegender Gegensätze welche eine Macht. Aber daneben die öde Erörterung des rein Medizinischen und die niederträchtige Lüge der Frau Alwing, daß die Welt ganz erfüllt sei von solchen Gespenstern, Kindern der Ruchlosigkeit und des ekelsten Lasters. Nein, häßliche körperliche Gebrechen sind nun einmal kein Gegenstand künstlerischer Behandlung, und die krasse Uebertreibung des Gemeinen macht die Poesie darum wahrlich nicht schöner. Im Gegentheil! Wir bleiben dabei, Ibsens «Gespenster» sind von der Bühne zu verjagen, wenn auch unter Bücklingen.

Die Aufführung, die das Stück auf der «Freien Bühne» wie die des «Lessing-Theaters» nun einmal künftig an mehreren Sonntag Vormittagen heißen wird erfuhr, stellt sich ebenbürtig derjenigen in Meiningen zur Seite. Das ist wohl die höchste Anerkennung, die sie erreichen konnte.

Zur Darstellung der Hauptrolle, freilich nicht des Helden, sondern, wie es in diesen realistischen Werken im Gegentheil heißen muß, des Patienten, kam Herr Robert, der wiener Hofburgschauspieler, nach Berlin. Der treffliche Künstler, der seit bald einem Dutzend Jahren zum ersten Male wieder in Berlin, der Wiege seines Ruhmes erscheint, spielte die Rolle nicht zum ersten Male. Er hatte sie z. B. schon in Pest gegeben. Die wunderbare Vertiefung in den kranken Charakter, die psychologisch und physisch gleich fein durchgeführte Entwickelung bis zum völligen Verfall der Geisteskräfte, bis zum Wahnsinnsausbruch konnte aber auch kaum das Product kurzer Studien sein. In einzelnen Momenten, z. B. da, wo er die innere Erregung und Wildheit zu bemeistern sucht, wo er zugleich zärtlich weich und aufbrausend brutal vor der Mutter steht, war er von überwältigendem Effect. Die Erscheinung freilich war nicht ganz die des schmiegsamen Jünglings von wenig über zwanzig Jahren. Frau Marie Schanzer, von ihrer Thätigkeit am «National-Theater» hier als Schauspielerin von scharfem Verständniß und weicher Darstellungskraft bekannt, führte die Frau Alwing vielleicht nicht durchaus im Ibsenschen Sinne durch, nicht ganz in dem gedämpften Tone starrer Resignation, der erst zum Schluß in Laute frischen Schmerzempfindens umschlägt, aber in ihrer kräftigeren, entschiedeneren, in ihrer sozusagen schauspielerischeren Auffassung war sie consequent und von lebhafter Wirkung. Herr Kraußneck war als Pastor die einfachste, die rührendste Verkörperung der sancta simplicitas, so wunderbar mild and klar im Ton. In der feinen Darstellung förderte er die discret komische Wirkung der Figur aufs Beste. Voll diabolischen Humors, scharf und charakteristisch im Zuschnitt, herzhaft in der Durchführung war der Tischler Engstrand des Herrn Lobe, eine Figur wie sie nur ein reiches schauspielerisches Können aus dem vollsten Verständniß der Dichtung herausgestalten kann. Fräulein Sorma zeigte sich auch in der Rolle der Regine als die Schauspielerin von verblüffend reichem Können. Sie wußte das Bischen Teufel in der Figur des Hausmädchens wunderbar zur Geltung zu bringen, war satanisch in der zarten Verführungsscene mit dem Pastor Manders, geschickt im Festhalten der geheuchelten Bescheidenheit, im Ausbruch langverhaltener Frechheit, so recht voll und derb und drollig im Kokettiren mit Bildung, mit französischen Brocken. Das treffliche Künstler-Quartett hat sich hoch verdient gemacht um das Debut der «Freien Bühne»; der Regisseur, Herr Meery, der die rechte Stimmung, die Einheitlichkeit des Stils von Anfang bis zu Ende festgehalten, ist mit Anerkennung zu nennen und Dank vor Allen verdienen die Bühnenleiter, die Herren Förster, LArronge, Barnay, die mitten in der Hochfluth der Saison ihre beschäftigtesten Künstler zur Verwirklichung einer schönen Idee hergaben.

I. L.
Published Mar. 21, 2018 1:18 PM - Last modified May 3, 2018 11:29 AM