Anonym anmelder i Intelligenzblatt für die Stadt Bern

Gespenster på Stadttheater Bern anmeldt i Intelligenzblatt für die Stadt Bern 28. oktober 1887.

Feuilleton.

Stadttheater.
Bern, den 27. Oktober.

Der gestrige Tag wird für alle Zeiten ein bedeutungsvoller bleiben in der Theatergeschichte nicht nur Berns, sondern der gesammten, für künstlerische und literarische Interessen empfänglichen Welt. Die hohe Bedeutung liegt zunächst darin, daß Ibsens «Gespenster», ein in seiner dichterischen Größe längst anerkanntes, aber wegen der befremdenden Ideenwelt, in welches es seine Handlung hineinsetzt, bisher von der öffentlichen Schaubühne ausgeschlossenes Werk, hier zuerst auf dem ganzen Erdenrund das Licht der Lampen erblicken durfte. Die Gründe, aus denen man die Bühnenunfähigkeit der «Gespenster» ableitete, sind unleugbar gewichtige. Nicht allein das Geschlechtsleben des Menschen in seinen unsittlichen Auswüchsen wird in einer wenig verhüllten Weise in die Handlung hineingezogen und wird somit nicht nur das Schamgefühl des Hörers einer gewissen Probe ausgesetzt, sondern auch die pathologischen Folgen jener Ausschweifungen werden mit einer grausigen Deutlichkeit dem Zuschauer vor Augen geführt, ja sie bilden das wirkliche Hauptmotiv des dramatischen Aufbaues. Es tritt mithin die Frage an den Beurtheiler des Kunstwerks beängstigend nahe heran: Sind nicht die Grenzen des Schönen zu Gunsten des tragisch Erschütternden überschritten, sind nicht die Gesetze der Aesthetik im Interesse der packenden Realistik verletzt?

Wir halten uns nicht für berufen, diese Frage zu beantworten. Wir haben nur zu konstatiren, daß das Publikum, welches der gestrigen Erstaufführung beiwohnte, nach seinen Kundgebungen zu schließen, die Bejahung der beiden obigen Fragen entschieden abgelehnt, im Gegentheil die scenische Berechtigung der Kunstschöpfung durch lauten und warmen Beifall anerkannt hat. Nun wird aber doch wohl Niemandem einfallen, entweder das Kunstverständniß oder die Sittlichkeit des Berner Publikums, welches sich wie stets, so auch in der gestrigen Vorstellung aus allen Ständen bis in die höchsten hinauf und aus Personen beider Geschlechter zusammensetzte, in einen so schreienden Gegensatz zu den entsprechenden Empfindungen der übrigen gebildeten Welt bringen zu wollen, daß durch diesen der unleugbare glänzende Erfolg des Dramas zu erklären wäre. Wir müssen mithin den Versuch, der dem Ibsenschen Werke bis gestern noch bevorstand, den Versuch, ob sich, was aus der Lektüre des Stückes durch den Einzelnen noch keineswegs mit Sicherheit geschlossen werden konnte, seine öffentliche Aufführung mit den sittlichen und ästhetischen Gefühlen des Volkes vertrage, als durchaus zu Gunsten der Dichtung ausgefallen betrachten.

Und das Publikum ist entschieden zu beglückwünschen zu seiner Mitwirkung bei diesem literarisch bedeutsamen Versuch. Es hat gestern einen Sieg des Kunstsinns über die Prüderie mit erkämpfen helfen. Das Publikum stand unter dem mächtigen Banne der dramatischen und tragischen Großartigkeit der Schöpfung und wurde so über die an sich vorhandene Anstößigkeit des vom Dichter verwendeten Materials begeistert hinweggerissen. Keinem konnte der Vorwurf beikommen, dem die moderne französische Schule von Dramatikern und Romanciers wohl niemals sich ganz wird entziehen können, daß die zum Aufbaue der Handlung nöthigen Obszönitäten etwa der Selbstzweck des Dichters gewesen seien; sondern alle verstanden, daß er nur die Scheu überwunden hat, zur Entwicklung einer erschütternden Schicksalstragödie auch in die schwärzesten und traurigsten Tiefen menschlicher Leidenschaft, menschlicher Schuld und menschlichen Elends hineinzugreifen.

Wir glauben an die gestrige, von hohem Erfolge gekrönte Aufführung die Erwartung knüpfen zu dürfen, daß zur Ueberwindung des gegen die realistischen Dichtungen Ibsens bestehenden Vorurtheils ein wichtiger Schritt gethan sei. Insbesondere hat sich durch die Aufnahme, welche das Stück gestern fand, der bereits in unserer Vorbesprechung angedeutete Gedanke bestätigt, daß man irre geht, wenn man Ibsens Dramen als die Erscheinungen einer ganz neuen, gleichsam ultrarealistischen Richtung betrachtet. Sie sind in folgerichtiger Entwicklung der versöhnende Abschluß sowohl der philosophirenden deutschen, als der sinnlichen französischen Dramatik. Sie haben die vom Standpunkte der Kunst aus nicht unbedenklichen Motive beider Richtungen dichterisch geklärt und vereinigt zu einer in der Form auf die antike Klassik zurückverweisenden Neubelebung der Tragödie.

Der zweite Punkt, welcher den gestrigen Abend zu einem hochbedeutsamen macht, ist die ausgezeichnete schauspielerische Wiedergabe, welche die Dichtung fand. Man bedenke, welche Klippe für ein Bühnenwerk in der schauspielerischen Leistung bei der «Première» liegt, welche Verantwortung der Künstler trägt, der eine Rolle zu «kreiren» hat. Was wäre aus Ibsens «Gespenstern» geworden, wenn wir gestern eine unverständige, unkünstlerische Wiedergabe gehabt hätten, und welche Aussichten hätte das geboten für die spätere Bühnenlaufbahn des großartigen Dramas. Der Dichter ist den Darstellern des Stücks von gestern Abend reichen Dank schuldig; ihnen ist die gleich beim ersten öffentlichen Auftreten mustergültig ausgefallene Gestaltung seiner dramatischen Charaktere zuzuschreiben. Und diese Schauspieler, die sich einer so außerordentlich schwierigen Aufgabe gewachsen zeigten, waren man wird es auswärts kaum für glaubhaft halten blutjunge Leute, die sich ihre ersten Sporen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, verdienen wollen. Betrachten wir die Einzelleistungen.

Frl. Botz gestaltete die Helene Alving mit durchaus richtigem Verständniß und feinem künstlerischen Takt zu dem, was sie sein soll, einer Mutter, die zum Ersatze für alles Glück, das ihr das Leben versagt, ihren ganzen Himmel in den geliebten einzigen Sohn gelegt hat, und auch diesen auf eine schreckliche Art untergehen sehen, ja selbst zu seiner Vernichtung Hand anlegen muß. Das hohe Pathos, welches die Darstellerin der Rolle verlieh, war mithin im Grunde vollberechtigt, nur möchten wir der Dame zu bedenken geben, daß es noch wirksamer sein würde, wenn es an den Stellen, wo es nicht unbedingt erforderlich, einer angenehmen Abwechslung Platz machte.

Den Oswald Alving, das beklagenswerthe Opfer der väterlichen Schuld, stattete Hr. Schwab mit einer ergreifenden und die Tiefen des Herzens aufwühlenden Leidenschaftlichkeit aus, wie sie nur aus einer künstlerisch groß veranlagten Seele entspringen kann. Die durch ihre pathologische Färbung leicht einer unästhetischen Wiedergabe ausgesetzten Szenen hielt er in den Grenzen des Schönen und wir dürfen ihm nur noch an wenigen Punkten eine weitere Abrundung des Gesammtbildes anempfehlen.

Die Darstellung des Pastors Manders durch Hrn. Kempf war unübertrefflich und tadellos. Jedes Wort in Ton und Tempo, jeder Schritt und jede Geste waren das Produkt einer feinfühlenden künstlerischen Gestaltungsgabe. Wir haben neulich über Hrn. Kempf gesagt, er sei ein trefflicher Darsteller kleiner Charakterrollen. Wir kamen zu diesem Urtheil einfach deßhalb, weil wir den jungen Künstler in großen Rollen noch nicht gesehen hatten. Nach der gestrigen Leistung können wir ihm aus voller Ueberzeugung das Zeugniß ausstellen, daß er sich getrost an das Größte wagen darf.

Hrn. Turrian haben wir schon gleich bei seinem ersten Auftreten als vorzüglich beanlagten Schauspieler erkannt. Er bewährte gestern die über ihn gefaßte gute Meinung. Vielleicht würde es seiner reichen Schaffenskraft gelingen, die einzelnen Charakterzüge des Tischlers Engstrand noch schärfer zu pointiren.

Um ein weniges hinter den andern zurück stand die Leistung des Frl. Glitz als Regina Engstrand; jedoch ist anzuerkennen, daß ihr der Dichter die Sache auch sehr schwer gemacht hat. Einen so eigenthümlich konstruirten Charakter in so wenigen Worten auszuprägen, wie der Regina zur Verfügung stehen, ist eine schwierige Aufgabe. Frl. Glitz muß daher darauf sehen, die Leichtfertigkeit und Sinnlichkeit des Mädchens schon gleich am Anfang, natürlich ohne jede Uebertreibung, soweit anzudeuten, daß sie in den späteren Szenen nicht allzusehr überrascht.

Um den Gesammteindruck der gestrigen Aufführung nach ihrer schauspielerischen Seite noch einmal in kurze Worte zusammenzufassen, müssen wir sagen: Wir sind den jungen Künstlern für ihre Wiedergabe des Dramas reichen Dank schuldig; unsere Lobsprüche vermögen an die Trefflichkeit ihrer Leistungen kaum heranzureichen.

Published Mar. 21, 2018 11:22 AM - Last modified May 3, 2018 11:29 AM