Signaturen «m.»

Gespenster på Stadttheater Bern anmeldt av signaturen «m.» i Berner Zeitung 27. oktober 1887.

Stadt Bern.

- Stadttheater.  m.  «Und die Sünden der Väter werden an den Kindern heimgesucht werden bis ins dritte und vierte Glied.» Es ist ein Ereigniß, das wir mit der Aufführung von Ibsens «Gespenster» zu verzeichnen haben, nicht nur weil sie in Bern zum ersten Male an die Oeffentlichkeit treten, obwohl das wunderbar genug ist, sondern weil der Inhalt an andern Orten die Aufführung nicht wagen ließ. Der Norweger nennt sein Stück ein Charakterbild, es ist ein Bild, das sich weder nach ästhetischen noch nach dramatischen Gesetzen beurtheilen läßt; eigenartig wie die Form, ist auch der Gedankeninhalt. Ein Feuergeist stürmt gegen die konventionelle Lügenhaftigkeit der heutigen Gesellschaftszustände an und läßt die brutale Gewalt eines naturgesetzlichen Verhängnisses mitleidslos über die von ihm geschaffenen Gestalten hereinbrechen, um das trostlose Bild einer tiefschwarz gefärbten, pessimistischen Lebensauffassung mit nacktem Realismus festhalten zu können.

Ein junger Maler kehrt krank in die Heimat zurück, weil sein Vater schon vor der Geburt des Sohnes infolge seines ausschweifenden Lebens ein körperlich gebrochener Mann war; seine Mutter ist eine edle Frau, sie hat in einer unwürdigen Ehe Unmenschliches erduldet, ihr Herz hängt an dem geliebten Sohne, der ohne Selbstschuld dem Wahnsinn verfällt, der Schlag trifft mit seiner vollen Schwere wieder die Mutter; in der ganzen erschütternden Tragödie kein versöhnender Abschluß, außerhalb dieses Menschenschicksals kein Lichtpunkt; Engstrand ist schlecht, Regine ist schlecht, Pastor Manders ist fanatisch beschränkt und von kindischer Leichtgläubigkeit, Alles wahrhaft genial gezeichnet... Das Ganze machte bei der brillanten Besetzung der einzelnen Rollen einen entsetzlichen Eindruck.

Das Publikum rief die Darsteller nach jedem Akte. Frln. Botz (Helene Alwing) und Hr. Schwab (Oswald), die Träger der Hauptrollen, haben dieselben in ausgezeichneter Weise beherrscht, nicht weniger Lob gebührt den Herren Turrian (Engstrand) und Kempf (Manders) für die ausgearbeitete Charakteristik ihrer Partien; Frln. Glitz war in der zurücktretenden Rolle der Regine befriedigend. Die «Gespenster» werden sich schwerlich auf der Bühne halten können, weil sie allen Traditionen den Krieg erklären und das ist in unserer gährenden Zeit gefährlich ein Hofintendant ruft nicht gerne Geister, die er nicht mehr los werden kann

Published Mar. 21, 2018 11:19 AM - Last modified May 3, 2018 11:29 AM