Signaturen «r»

Gespenster på Deutsches Volkstheater anmeldt av signaturen «r» i Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie, Wien, 22. november 1890 (XXXI. årg., Nr. 320, s. 1 og 2).

«Gespenster».

(Ein Familiendrama in drei Aufzügen von Henrik Ibsen. Erste Aufführung im Deutschen Volkstheater am 21. November 1890.)

Zum dritten Male innerhalb eines Jahres sind wir genöthigt, uns mit Ibsen zu beschäftigen, und wenn die Programme unserer beiden Schauspielhäuser halten, was sie versprechen, wird die Ueberfütterung mit der gesundheitsschädlichen nordischen Kost in den nächsten Monaten nicht blos eine Fortsetzung, sondern sogar noch eine Steigerung erfahren. Der Ibsen-Wahnsinn, der in Berlin seine tollsten Orgien feiert, hat uns angesteckt, und wie in manchen anderen Dingen, so sind wir gegenwärtig auch in theatralischen Angelegenheiten wir wollen einen naheliegenden zoologischen Ausdruck vermeiden die possierlichen Nachahmer der Berliner geworden.

Es handelt sich diesmal um das Familiendrama: «Gespenster», welches uns das Deutsche Volkstheater in seiner bekannten Sucht, von bedenklichen Autoren just immer die allerbedenklichste Waare feilzubieten, heute bescheert hat. Das Stück ist erst kürzlich von Baron Berger, dem geistvollen Dramaturgen und verabschiedeten Burgtheatersecretär, so gründlich beleuchtet worden, daß jeder Bühnenleiter, der nicht schon durch seinen eigenen Geschmack und sein eigenes Urtheil von diesem traurigsten Producte der naturalistischen Schule ferngehalten wurde, sich unter dem Eindrucke der Analyse Bergers eines Besseren besinnen mußte. Ein «aus Koth und verdorbenem Menschenblut gemischtes Drama» nennt Berger die «Gespenster» und wir nehmen keinen Anstand, seine treffende Bezeichnung ohne Rückhalt zu unterschreiben. Die Direction des Deutschen Volkstheaters ist offenbar anderer Ansicht: Sie hat sich durch die gediegene Untersuchung eines Fachmannes nicht weiter verblüffen lassen.

Auf eine Inhaltsangabe des Stückes können wir sehr leicht verzichten, da in demselben nichts Anderes geschieht, als daß der Held schließlich von einer Gehirnerweichung befallen wird. Die eigentliche Handlung liegt vor dem Stücke; sie ist, wenn sich der Vorhang hebt, vollständig abgeschlossen und kommt nur noch im Munde der fünf Personen des Dramas, die sich mit Begeisterung in der Rolle von Wiederkäuern gefallen, auf synthetischem Wege zum Vorschein. Wir haben es mit keiner dramatischen Entwicklung, sondern blos mit Folgezuständen zu thun und sollen uns für eine Situation erwärmen, in der fünf moralisch kranke Menschen jede persönliche Verantwortung ablehnen und alle Schuld an ihrer eigenen Niederträchtigkeit ihren Vorfahren in die Schuhe schieben. Das mag ja für diese Leute recht bequem und im Sinne Darwins auch «wissenschaftlich unanfechtbar» sein; wir aber wünschen die liebe Descendenztheorie, die in Verbindung mit dem «Genius» der Poesie so blutleere dramatische Wechselbälge erzeugt, aus tiefstem Herzensgrunde zu allen Teufeln. Die griechischen Tragiker verehrten das Fatum, die christlichen Dichter des Mittelalters und der Neuzeit beugten sich in Ehrfurcht vor Gott. Ibsen und seine Anhänger schwärmen für Darwin oder, wie Berger treffend sagt, «für die Mythologie einer naturwissenschaftlichen Hypothese». Wem kann da die Wahl noch schwer fallen?

Da wir keine Handlung zu erzählen haben, sind wir darauf beschränkt, die fünf Personen des Stückes in knappen Umrissen nachzuzeichnen. Da haben wir Nr. 1: den Helden, Oswald Alving. Er ist Maler feines Zeichens, das heißt, er wäre ein Maler, wenn sein verstorbener Vater, der Kammerherr Alving, kein Lump gewesen wäre. Als Sohn eines leichtsinnigen Menschen hat Oswald nur die eine Aufgabe, die Richtigkeit der Lehre Darwins an sich zu demonstriren und als ein unschuldiges Opfer der Sünden seines Vaters zu gelten. Er besitzt ein krankes Gehirn (gemeiniglich zieht Ibsen ein krankes Rückgrat vor) und gibt im Verlaufe des Dramas auch an Stellen, wo es der Verfasser augenscheinlich nicht beabsichtigt hat, unwiderlegliche Beweise seiner Krankheit. Schließlich wird bei Gelegenheit eines schönen Sonnenaufganges die Gehirnerweichung vollständig. Oswald «scheint plötzlich im Stuhle zusammenzuschrumpfen, alle Muskeln erschlaffen, sein Gesicht wird ausdruckslos, die Augen werden blöde und stier.» In dieser Verfassung verlangt er von seiner Mutter, sie möge ihm die Sonne herbeibringen. Ist das nicht schön? Kann sich die Poesie leicht edlere Aufgaben stellen?

Nr. 2: Regine Engstrand. Gilt als die Tochter des Tischlers Engstrand, ist aber eigentlich ein natürliches Kind des Kammerherrn Alving, also eine Schwester Oswalds, der in sie verliebt ist. Das vielversprechende Mädchen fühlt in sich den Trieb nach Höherem, will sagen, nach Seidenkleidern und nach Champagner; es behandelt seinen angeblichen Vater, weil derselbe nur ein Tischler ist, mit grenzenloser Verachtung, und hat den glühenden Wunsch, in die lichtumflossene Gesellschaft der Halbweltdamen emporzusteigen. Zur Erreichung dieses hehren Zieles dünkt der edlen Seele kein Mittel zu schlecht; bald möchte sie Haushälterin bei einem alleinstehenden Herrn werden, wobei ihr der Pastor des Stückes als das geeignetste Vermittlungsbureau erscheint, bald wieder möchte sie in Begleitung Oswalds nach Paris reisen, um für ihr Talent einen günstigen Nährboden zu finden. Als sie erfährt, daß Oswald ihr Bruder ist, verläßt sie schleunigst das Haus, indem sie auferzogen wurde; sie will keine Zeit verlieren und anderwärts ihr Glück versuchen, denn «ein armes Mädchen muß seine Jugend ausnützen, sonst kann man, ehe man sichs versieht, auf dem Strohsack liegen.» So kräftig der Ausspruch klingt: er ist noch lange nicht die stärkste Leistung Reginens, er wird noch weit übertroffen durch das Bekenntniß, welches die verlotterte Creatur in dem Augenblicke ablegt, da man ihr mittheilt, daß sie das Kind einer Gefallenen sei. Da sagt sie nämlich in aller Ruhe: «Meine Mutter war auch eine solche? Zuweilen habe ich mir das wohl gedacht!« Also wenn die holde Regine sich in Kindheits-Erinnerungen träumerisch verlor, wenn sie ihrer todten Mutter gedachte, keimte, alle anderen Empfindungen verdrängend, der Gedanke in ihr empor: «Vielleicht war meine Mutter eine verworfene Dirne!» Wie nun, ihr Herren Naturalisten? Legt ihr noch nicht die Feder entmuthigt aus der Hand? Oder hofft ihr eine solche Schamlosigkeit noch überbieten zu können?

Nr. 3: Tischler Engstrand, Reginens vermeintlicher Vater, ein Trunkenbold, der in nüchternen Momenten mit heuchlerischem Augenverdrehen seine Schwäche verdammt und sich in protestantisch-pietistischem Gefasel ergeht. Der Mann benützt religiöse Erbauungsstunden zu weitsichtigen Erpresserplänen und will mit dem Capital, das er seinen Operationen verdankt, ein Seemannsheim gründen. Ueber die nähere Beschaffenheit und die Endziele des beabsichtigten Unternehmens verbreitet er sich in einem Gespräche mit Regine ganz deutlich: «Ein feines Wirthshaus soll es sein, für Schiffscapitäne und Steuermänner; und Frauenzimmer müssen wir im Hause haben, das ist doch klar wie der Tag. Denn des Abends soll es lustig hergehen mit Gesang und Tanz und dergleichen.» Als Hauptmagnet, als «great attraction», des Unternehmens ist Regine gedacht; und da die holde Maid, von unüberwindlichem Freiheitsdrange beseelt, erklärt, «dergleichen» könne sie auch auf eigene Hand thun, meint Engstrand: «Nein, an der führenden Hand eines Vaters geht das besser!« Und ein Stück, das solche Verhältnisse schildert, nennt sich ein Familiendrama!!

Wir begrüßen Nr. 4, den Pastor Manders, der sich eigentlich nur durch eine unglaubliche Bornirtheit auszeichnet, blos flüchtig und wenden uns zu Nr. 5, der Mutter Oswalds, auf deren Seite offenbar die Sympathien des Autors stehen: denn die Figur ist breit ausgeführt und besitzt einen gewissen Anstrich mütterlicher Tüchtigkeit. Aber unter diesem äußeren Anstriche birgt sich eine Fratze, die von den bereits geschilderten Caricaturen in keiner Weise zu ihrem Vortheile absticht, ja sogar noch abstoßender wirkt als ihre Umgebung, weil der Autor die Gestalt gewissermaßen auf ein höheres Piedestal gestellt hat. Frau Alving war nie glücklich; vor der Zeit des Stückes besaß sie einen Gatten, der ein ausgemachter Hallunke war, und in dem Stücke besitzt sie einen zärtlich geliebten Sohn, der vor ihren Augen verblödet. Das ist gewiß tragisch, und wenn Frau Alving eine wackere Frau und eine gute Mutter wäre, so könnte sie unseres tiefsten Mitleids versichert sein. Allein sie ist weder das Eine noch das Andere; die Frau muß verurtheilt werden, weil sie einst ihrem Manne entlief, in der Hoffnung, den Pastor Manders zu einem Ehebruche zu bewegen; und was die Mutter betrifft, so besitzt unsere Sprache gar nicht die Ausdrücke, mit denen dieselbe gebührend zu brandmarken wäre. «Wenn ich wüßte, daß es zu Oswalds Glück führen würde, so würde ich zu ihm sagen: Verheirate Dich mit Regine, oder richtet Euch ein, wie Ihr wollt» so sagt diese Frau, die aus lauter Mutterliebe die Geschwisterehe sanctionirt; und als der Pastor sein Entsetzen über eine solche Ehe äußert, behauptet Frau Alving, es gebe viele derartige Ehen. Endlich krönt sie ihren unerhörten Cynismus noch durch eine ekelerregende Blasphemie, indem sie den Pastor fragt: «Wer ist es, der es so auf dieser Welt eingerichtet hat?» Es wird also Gott, an den Ibsen gar nicht ehrlich glaubt, für die Ausgeburt eines kranken Poetengehirnes verantwortlich gemacht!

Noch ein Wort über den Titel des Stückes, den uns gleichfalls die redselige Frau Alving erklärt. Ihrer Meinung nach sind nämlich alle Menschen Gespenster. «Nicht allein das, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, ist es, das in uns umgeht. Es sind allerhand alte todte Ansichten und aller mögliche alte Glaube und dergleichen.» (Das Wort «dergleichen» hat bei Ibsen eine geradezu weltumspannende Bedeutung.) Nach dieser Gespenstertheorie, deren Entdecker Ibsen und deren Sprachrohr Frau Alving ist, wären die Menschen zu allen Zeiten Gespenster gewesen, weil sie ja Alle mehr oder weniger Vorfahren hatten. Nur das erste Menschenpaar würde hierin eine rühmliche Ausnahme bilden, oder da man Darwin und Ibsen nicht mit biblischen «Legenden» kommen darf so wären offenbar blos der erste Affenvater und die erste Affenmutter frei von jeder Gespensternatur und die einzigen wahren Lichtgestalten gewesen. Darin gipfelt die Weisheit unseres Dichters und wir haben seiner erhebenden und beglückenden Lehre nichts weiter hinzuzufügen. Nur eine Hoffnung geben wir nicht auf! Mögen Ibsen und seine Geistesverwandten noch so viel Staub aufwirbeln, einmal wird doch wieder ein großer und echter Dichter erstehen, der die Wahrheit nicht allein im Munde, sondern auch im Herzen führt, ein Mann, der von der Bühne herab veredelnd und sittlich läuternd wirkt, ein Held, der uns die «Sonne» der Ideale zurückbringt und die naturalistischen «Gespenster», von denen unser Publicum jetzt das Gruseln lernt, in ihr nächtliches Dunkel zurückjagt!

Die Aufnahme, welche das Stück fand, war eine getheilte. Obwohl die Wiener Ibsengilde ihre lungenkräftigsten Mitglieder in das Theater gesandt hatte und ein kleines Häuflein von Zuschauern mit Händen und Füßen lärmte, siegte schließlich doch die Opposition und zischte die auf Ibsen laut-werdenden Hochrufe energisch nieder. Man darf sich also wohl der Hoffnung hingeben, daß die «Gespenster» bald dorthin wandern werden, wohin sie gehören: in Kammerherrn Alvings Asyl, d. h., in das Archiv des Deutschen Volkstheaters. Die Darstellung zeigte in drei Rollen tüchtige Schauspieler: Fräulein Bognar, die einstige Sentimentale des Burgtheaters, war nach langer Abwesenheit von Wien heute zurückgekehrt und spielte die traurige Frau Alving ziemlich discret; wir werden uns freuen, der Künstlerin in gesünderen Rollen zu begegnen. Herr Kutschera weckte wieder große Erwartungen für seine schauspielerische Zukunft und Herr Tyrolt schien sich in der Haut des verlumpten Tischlers außerordentlich wohl fühlen. Dagegen litten Herr Eppens und Frau Laska vollständig Schiffbruch. Herr Eppens machte den Pastor, der vermuthlich auch noch einmal an Gehirnerweichung dahinsiechen dürfte, durch pathetische Declamation und ein beständiges syrupsüßes Lächeln doppelt unangenehm und Frau Laska ist offenbar nur deshalb nach Wien gekommen, weil sie sich in Linz nicht mehr halten konnte. Während auf der Bühne Ibsens «Gespenster» ihr Unwesen trieben, ging durch den Zuschauerraum das Gespenst des Schnupfens, sonst ein unangenehmer Gast, im vorliegenden Falle aber segenbringend; denn die Leute, welche nicht so unglücklich waren, das Stück aus der Lectüre zu kennen, haben es heute von der Bühne herab gewiß nicht kennen gelernt.

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Published Mar. 21, 2018 1:25 PM - Last modified May 3, 2018 11:29 AM