Theodor Fontane

Freie Bühnes oppsetning av Gespenster på Lessing-Theater i Berlin anmeldt av Theodor Fontane i Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen (Vossische Zeitung) i Berlin 30. september 1889.

Freie Bühne

Der Verein «Freie Bühne» eröffnete gestern die Reihe seiner für diesen Winter geplanten acht Vorstellungen auf der Bühne des Lessing-Theaters und zwar mit Ibsens «Gespenstern», eine Wahl, die mir in doppelter Hinsicht die richtige zu sein schien, einmal in Huldigung gegen Ibsen, der (wenigstens aufs Dramatische hin angesehen) als Aeltester wie als Haupt der neuen realistischen Schule dasteht, zum Zweiten aus gebotener Klugheit. Die Gespenster erlebten schon vor zwei, drei Jahren eine Vormittags-Aufführung auf dem Residenztheater, damals noch unter Direktor Annos Leitung, und erzielten einen großen, wenn auch von den Gegnern der Schule hart bestrittenen Erfolg. Mit den «Gespenstern» beginnen, hieß also nach Möglichkeit einem Theil jener Gefahren aus dem Wege gehen, wie sie jedes neue Unternehmen so gern umlauern; das Stück hatte seine Feuerprobe bereits bestanden, und dieser Akt weiser Vorsicht, der den Spott der «Bravsten der Braven» natürlich herausfordern wird, hat nicht nur meine Zustimmung, sondern erfüllt mich auch mit Hoffnung für die Zukunft. Es zeugt von einer klugen Leitung, die sich der Gegnerschaften nicht blos voll bewußt ist, sondern ihnen vielleicht sogar ein bestimmtes Maß von Berechtigung zugesteht und eben deshalb beflissen ist, beim Uebergang über das Eis lieber die bewährten festen Schollen als die schülbrigen, über Nacht erst überfrornen Stellen zu benutzen. Eine Schlitterbahn bleibt es immer noch, und wenn man nicht ertrinkt, kann man sich wenigstens hinsetzen, was Manchen, wegen des Komischen, das dran haftet, schrecklicher bedünken mag, als alles Andre.

Das Debüt der «Freien Bühne» verlief unter der trefflichen Regie des Herrn Hans Meery durchaus glänzend und ließ nichts von den Schwierigkeiten ahnen, an denen man vorübergangen war und noch vorüberging. War schon, was noch jetzt zu Dank verpflichtet, die Vorstellung im Residenztheater eine nahezu mustergiltige gewesen, so wurde sie doch von der gestrigen übertroffen. Am meisten trat dies in der Rolle des Oswald Alving hervor, die damals von Herrn Franz Wallner, jetzt von Emerich Robert gegeben wurde. Nichts widerstreitet mir mehr, als ein Operiren nach dem Satze: «der Mohr hat seine Arbeit gethan, der Mohr kann gehn», ich bin vielmehr umgekehrt von der Neigung erfüllt, für den, der nicht mehr da ist, einzutreten. Von Todten und Abwesenden nur Gutes. Aber in diesem speziellen Falle liegt es doch so, daß es mit besonderem Nachdruck heißen muß: «der Lebende hat Recht». Herr Franz Wallner, so gut es war, was er gab, gab doch vorzugsweise einen auf einen ganz bestimmten Sentimentalton hin gestellten Unglücklichen, während Herr Emerich Robert einen Charakter gab und in diesem erst eine fein und reich nüanzirte physiologisch-psychologische Studie. Mit einer Detail-Akkuratesse, wie Nossi den apoplektischen Ludwig XI. giebt, gab Emerich Robert, wenn auch nicht mit gleicher Virtuosität (was übrigens auch als ein Vorzug gelten kann) den Geistes- und Nervenkranken, dessen Gehirn «vom Wurm» angebohrt ist. An der Darstellung dieses Oswald Alving hängt das Stück, und zwar nicht blos deshalb, weil der Dichter in dieser Rolle seine Doktrin exemplifizirt (was schon Gefahren genug heraufbeschwört), sondern mehr noch deshalb, weil die weit ausgesponnenen medizinischen Auseinandersetzungen nicht blos «shocking», sondern auch langweilig sind, wenn es dem Darsteller nicht glückt, uns diese Confessions aus dem ärztlichen Empfangszimmer beziehungsweise aus der Klinik interessant zu machen. Und wodurch allein kann er dies erzwingen? Nur dadurch, daß er unsere menschliche Theilnahme weckt. Es war das große Verdienst im Spiel des Herrn Emerich Robert, daß er uns den Kranken getreulich gab und danach Empfindungen in uns zu wecken mußte, die nicht blos ärmliches Mitleid mit dem Kranken, sondern eine herzliche Sympathie mit dem Menschen waren. Darauf beruhte die Wirkung. Aehnlich schwierig wie die Rolle des jungen Oswald Alving ist die seiner Mutter, der Frau Helene Alving. Frau Marie Schanzer gab diese Rolle, die vordem von Frau Charlotte Frohn, und zwar nach Meinung Einiger, glücklicher und treffender gegeben wurde. Welcher Auffassung ich mich aber nicht anschließen kann. Frau Charlotte Frohn gab die Rolle verhältnißmäßig statuarisch, als eine Matrone, die sich den Frieden errungen hat und abgeklärt und drüber stehend, nur noch einem Gefühle lebt: der Liebe zu ihrem Sohne. Der Grundzug ihrer Auffassung war Ruhe, Würde, Vornehmheit. Und gewiß ist eine solche Auffassung gestattet. Ich finde aber die, die Frau Marie Schanzer der Rolle giebt, oder richtiger ihrer Individualität nach ihr geben muß, glücklicher: das nervös Bewegliche tritt an die Stelle des ruhig Würdevollen. Eine moderne Frau, die durch Leben und Ehe, von so schweren Schlägen heimgesucht wurde, wie Frau Alving, muß nothwendig nervös geworden sein und ihre Nervosität in fortgesetztem Grübeln über allerhand intrikate Fragen nur noch gesteigert haben. Im Temperament und, was damit zusammenhängt, im Tempo war Frau Marie Schanzers Spiele dem ihrer Vorgängerin übertragen. Ueber die verbleibenden Rollen, die des Pastor Manders (Herr Kraußneck), des Tischlers Engstrand (Herr Lobe) und der Regine Engstrand (Frl. Sorma) geh ich hier hinweg. Der laute Beifall, der ihr Spiel begleitete, dazu der Hervorruf nach den Aktschlüssen bewies ihnen die begeisterte Zustimmung des Hauses.

So viel über das Spiel. Darf auch noch über das Stück selbst ein Wort gesagt werden? Es giebt schon eine ganze Ibsen-Literatur, und speziell der Inhalt der «Gespenster», die darin veranschaulichte Lehre von der Heimsuchung der Sünden der Väter an ihren Kindern, diese These von der Erb-Krankheit in ihren schrecklichsten Formen als beständige Begleiterin der Erbsünde, mußte nothwendig einen heißen Streit entflammen. In diesen Streit aufs Neue eintreten, mag ich um so weniger, als ich nur wiederholen könnte, was ich schon gesagt habe. Wo wären wir, wenn das Gesetz von Anfang an gegolten hätte. Die Vereisung abzuwarten, wäre nicht nöthig geworden, wir wären an «Versumpfung» längst zu Grunde gegangen. Und wenn das Ibsensche Stück trotzdem auch gestern wieder eine große Wirkung geübt hat, so muß es an etwas Anderem liegen. Wir werden nicht hingerissen bez. niedergeworfen durch die Wahrheit, die drin lebt, sondern einfach durch Ibsens Glauben, durch den künstlerischen Ernst seines Schaffens. Was heißt Wahrheit? Der Dichter, als er das Stück schrieb, war von einer Idee erfaßt, die ihm Wahrheit war, und die es ihn drängte, als Wahrheit zu bekennen. Je mehr er Umschau hielt, je mehr befestigte sich ihm sein Glaube und aus diesem ehrlichen Glauben heraus ist das Stück entstanden, nicht als ein Etwas, das nun für immer Gesetzestafel oder Offenbarung sein soll, sondern einfach als Ausdruck einer persönlichen und gut motivirten Ueberzeugung. Daß es möglicher Weise noch eine schärfere Beobachtung und ein tieferes Eindringen in das Wesen der Dinge giebt, ist eine Beobachtung, die morgen wieder aufhebt, was heute diesem und jenem noch gelten darf, das nimmt dem Ibsenschen Stücke nichts von der Macht der Ueberzeugung (nicht der Wahrheit; die ist etwas andres) worauf seine Wirkung beruht, wie die Wirkung in Kunst und Leben überhaupt. Es wird jetzt im Streit mit der realistischen Schule so viel auf die Dichtungen einer voraufgegangenen Literaturepoche hingewiesen, auf eine Glanzzeit, die während sie das Ideale betont, Größeres zu schaffen und die Menschen ungleich glücklicher zu machen verstand. Es fragt sich, ob es wahr ist. Aber wenn wahr, ebenso wahr ist es, daß diese großen Schöpfungen, die selbst den Vertretern der entgegengesetzten Richtung nach wie vor als solche gelten, im Wesentlichen aufgehört haben, die Menschheit, «die jetzt dran ist», noch lebhaft zu interessiren. Die klassischen Aufführungen schaffen seit geraumer Zeit das Seitenstück zu den leeren Kirchen. Der Aufführungspomp ist ein trauriger Nothbehelf. Und in dieser Noth sprang der Realismus ins Dasein, der das Kunstheil auf dem entgegengesetzten Wege suchte. Wenn es das Paradies nicht mehr sein konnte, so sollt es dafür ein Garten des Lebens sein. Auf dem nach diesem Ziel hin eingeschlagenen Wege hat es für Manchen ein Verweilen an Stellen gegeben, daran vorüberzugehen vielleicht besser gewesen wäre. Zuletzt aber, nach mancher Irrfahrt, wird auch auf diesem Wege, davon bin ich überzeugt, das Schöne gefunden werden, und wenn es gefunden ist, so wird es eine schärfere Darstellung finden, als vordem, weil das Auge mittlerweile schärfer sehen lernte. Nenne man meinetwegen den jetzigen Weg, den Weg durch die Wüste. Nach der Wüste kam gutes Land. Das Scheinwesen wird dann gefallen und das Auge für die Schönheit geblieben sein. Daß es an dieser Schönheit den Ibsenschen Gespenstern noch gebricht, ist zuzugestehn, aber dies Fehlende nimmt nicht Formen an, die das Verbot der Aufführung wies, so viel ich weiß, für Berlin existirt zur Pflicht machen könnten. Alle diese Fragen müssen eben ausgetragen, müssen für Kunst und Leben erörtert werden können; ihre Staatsgefährlichkeit auch nur mittelbar nachzuweisen, dürfte schwer halten. Erbkrankheit als Kind der Sünde deckt sich mehr mit den christlichen Anschauungen, als daß es denselben widerspricht, und das von Ibsen in echter und reiner Liebe gefundene Heilmittel, von dessen Unanwendbarkeit ich persönlich tief überzeugt bin, tritt in dem Stücke verschämt genug auf, um vor der Anklage des Anstoßgebens gesichert zu sein. Im Uebrigen, was giebt nicht alles Anstoß? Mitunter die scheinbar harmlosesten Dinge. Franz Kugler hatte seiner Zeit ganz Recht, als er, vor dem Odium des Philiströsen nicht erschreckend, beim Ministerium auf Verbot von Scribes «Glas Wasser» antrug, weil dem Volke darin gezeigt werde: «solche Närrinnen sitzen auf Thronen und beherrschen die Völker». Das ist nun 40 Jahre her und war richtig motivirt. Ich wäre aber doch neugierig zu hören, ob auch nur ein Sturm im Glase Wasser auf Scribes «Glas Wasser» zurückzuführen sei. Man muß solche Dinge laufen lassen, auch wenn sie anfechtbar sind.

Die nächste Aufführung (20.Oktober) wird Gerhard Hauptmanns soziales Drama «Vor Sonnenaufgang» bringen. Möge ein gleich guter Stern auch über der Aufführung dieses zweiten Stückes stehn, was der Fall sein wird, wenn Künstler und Theaterdirektoren fortfahren, die Sache der «Freien Bühne» wie bisher zu stützen. Es mag dies unter Umständen recht schwer sein, aber das ganz ungewöhnliche Interesse, womit das Publikum, und zwar ein Publikum, wies besser und verständnißvoller nicht gedacht werden kann, gestern der Aufführung folgte, muß auch für die das Unternehmen unterstützenden Herren ein Sporn sein, aller Schwierigkeiten mit Freuden Herr zu werden.

Th. F.
Published Mar. 21, 2018 1:16 PM - Last modified May 3, 2018 11:29 AM