Anonym anmelder i Wiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung

Peer Gynt på Deutsches Volkstheater anmeldt i Wiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung 10. mai 1902 (Nr. 107).

Theater.

Deutsches Volkstheater: «Peer (Peter) Gynt», dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen von Henrik Ibsen, Musik von Eduard Grieg. Zum ersten Male aufgeführt am 9. Mai. Regie Herr Heine.

* Ibsen hat «Peer Gynt» ein «dramatisches Gedicht» benannt. Daran muß festgehalten und auf Gedicht die Schwere der Betonung gelegt werden. Ibsen hätte weiter gehen und das Werk ein Märchen nennen können. Es ist aus der Volksdichtung hervorgegangen, und was zum Volke aus dem Ibsenschen Werke zurückkehrt, ist, trotz Erweiterung, gedanklicher und künstlerischer Ausführung des Ibsenschen Palastes, die kleine Hütte. Eine liebende Mutter, ein treues Weib! Das versteht das Volk.

Wenn man vom dramatischen Elemente sprechen kann, so liegt dieses also in den drei ersten Acten, welchen der Schluß des fünften angeknüpft werden kann. «Gerichtet! Gerettet!» «Faust» geht überhaupt wie ein Geist durch das ganze Werk. Auch «Peer Gynt» hat einen ersten und einen zweiten Theil. Den Menschen von Fleisch und Blut folgen Gelehrte und Narren manchmal sind sie kaum von einander zu unterscheiden und tragen die Weisheit der modernen Brahmanen vor. Ibsen läßt Peer Gynt sagen: «Ich bin ein Autodidakt, ich fing erst an im reiferen Alter!» aber Peer und Ibsen haben Philosophie und Geschichte und Literatur, besonders deutsche, so umfassend studirt, daß der norwegische Dichter in seinem «Peer Gynt»-Buche mehrere Stellen in deutscher Sprache aufgenommen hat, z. B. «Ach, Sphinx, wo bist Du?» «Es lebe hoch der große Peer!» «Das ewig Weibliche zieht uns (hin) an!» Ibsen ist oft ein Schalk und hält seine Tiefbrunnbohrer von Erforschern und Erklärern zum «Besten» der Ausdruck paßt hier nicht. «Ich bin ein Autodidakt!» Das darf Ibsen allein von sich sagen.

Ibsen hat die «Peer Gynt»-Gestalt in «Asbjörnsons Zaubermärchen» gefunden und das Werk 1867 in Sorrent geschrieben. Im Jahre 1876 wurde es zuerst in Christiania aufgeführt. Man zürnte dem Dichter, indem man ihm vorwarf, er habe den «Norweger» verspotten wollen. Daß Ibsen Norwegen zur hohen Ehre gereicht, bedachte man nicht. Was thut übrigens Peer Gynt? Wir können nicht allzu viel nordisch Besonderes an ihm finden. Er fabulirt, lügt, aber der erste Lügner war der erste Dichter. Er träumt, macht Pläne, will Kaiser werden, baut Luftschlösser, aber welcher Einsame, der sich fühlt und ein halbes Jahr während des norwegischen Winters Zeit hat zu phantasiren auf seinem gespannten Gehirn, versucht es nicht, sich etwas einzubilden, Wünsche zu Vorsätzen zu ballen, sich emporzusehnen, nach Afrika! «Er träumt von einer Palme!» Heine war kein Norweger und doch zog ihn, wie alle großen Deutschen, die Reise von Fichte zu Palme an. An Hypertrophie der Phantasie leidet also Peer Gynt.

Seine Wikinger Vorfahren zogen in die weite Welt und die deutschen Kaiser nach Italien und Sicilien, wo Viele verbluteten. Sollte im Norden der Zug nach warmer Sonne mit dem Märchen von Geschlecht zu Geschlecht gekommen sein, aus dem ersten Winter stammen, wo kürzlich Elephanten unter Palmen wandelten und wo es in Lappland keine «schmutzigen Leute gab»? Sollte Peer Gynt in den ersten Acten des Ibsenschen Werkes an die Urgestalten erinnern, die ersten Jäger und Pfahlbauern? «Man fühlt sich wie ein Bär in jedem Glied!» sagt Peer. Als später bei fortgeschrittener Cultur jemand fragt: «Sagt mir, wer war der Gynt?» erhält er zur Antwort: «Es heißt, er gab sich ab mit Dichten!» Man braucht nicht den Finger des Gelehrten an die Nase zu legen, um später jubelnd zu verkünden: da spricht wieder der Mann, der sich einen Autodidakten nannte.

Dies halbe Stück «Peer Gynt» ist eine Art Selbstbiographie geistigen Lebens, angefügt an das dramatische Märchen der ersten Acte. Der Autor konnte da etwas breiter als klar sagen, was er von Gott und den Menschen, seinen lieben Mitbürgern und den Menschen überhaupt halte. Ausgeschüttet hat Ibsen Gold der Wahrheit und Trug, etwas gleißende Seifenblasen des Autodidakten, immer aber noch höheren Fluges als der ballon captif des Gehirns vieler Zeitgenossen. Er hat einen Märchenwald voll von Edelsteinen über Vorgänge gebreitet, die ein Anderer vielleicht gar nicht beachtet hätte.

«Norweger sind Sie?» «Von Geburt, doch Weltenbürger von Beruf.» «Und was ist es mit dem Kaiserthum?» «Der Denkenden Kaiser!» erklärt Peter Gynt. Nun, wie konnte das mißverstanden werden in Norwegen und anderswo? Und noch eins! Eine Stelle im «Gynt» lautet: «Ich gehe zum Theater, man verlangt nationale Charaktere!» Und da waren die großen «Thronprätendenten» schon der Ewigkeit übergeben!

Nun, wird man sagen, «Peer Gynt» giebt viel zu denken, aber was ist für das Herz, für das Volk in Ibsens Stücke, etwas wie in der Faust-Gretchen Tragödie? Viel Gutes, Edles, Schönes. Ibsen ist ein Künstler und versteht es, dem Märchen den Ursinn, den Quellreiz zu entnehmen. Was alles er in Marokko, in der Wüste Sahara, deren Bewässerung er vorhersagt, in Kairo und auf der See vorgehen und sagen läßt, das Natürliche, einfach Menschliche, das von Herz zu Herz, von Aug zu Aug Wirkende, liegt in den drei ersten Acten und dem Schlusse, in den Scenen mit der Mutter und der geliebten Unberührten zu Tage. Das ist die Goldstufe in dem recht complicirten Bergwerke. Aus dem «fliegenden Norweger» wird der geläuterte Mensch, dem ein Menschenleben hindurch seine Solveig entgegengeharrt hat. Peter Gynt ist auch eine Art Faust, aber das reine blonde Alpenkind vom Wasserfall am See ist ihm heilig. Es bleibt unberührt, er krümmt nicht eines seiner goldreinen Haare. Und die Mutter? Die ewig ihn scheltende, sie allein darf es, und gegen die ganze, ihren Sohn angreifende Welt vertheidigende Frau, wo findet man eine so durchaus menschliche, wie eine Bärin, strafende und gleich wieder letzende Mutter zum zweiten Male? Das ewig Weibliche, das unbeirrt Gute, Treue, Aufopfernde, größte Liebe, größter Glaube, in den zwei Frauen ist es erfunden, gefunden wenn man will.

«Eine die gedacht und einer der vergessen,
Eine die entsagt und einer der vermessen,
O Gott hier war mein Kaiserthum!»

Peer Gynt kommt als Greis zurück und findet in seiner Hütte Solveig, Gretchen am Spinnrocken. Peer verwechselt mit brechendem Blick Solveig mit der Mutter. «O meine Mutter, sprich mich los.» Und Solveig, die virgo dolorosa, sagt:

«Schlaf und träume, du Knabe mein,
Ich will wiegen dich, ich will wachen!»

Wir haben uns nicht vermessen, zu ergründen, zu erforschen, denn wenn ein Dichter sich nicht selbst klar zu machen versteht, erklären kann ihn niemand. Das Beste aber, was uns Ibsen in «Peter Gynt» zeigen und sagen konnte, hat er uns gegeben. Dieser Mutter und dieser Braut wird man immer gedenken. Auf den Granit, den schwarzen Marmor, den rothen Porphyr vom Nil und den ägyptischen Alabaster, womit er andere Gestalten schmückte, verzichten wir. Das ist Theater-Polychromie.

Der Verein, welcher gestern Nachmittags das Werk des Dichters aufführte, hat dem Publicum Arbeit und Freude geschafft. Die Rolle des Peer Gynt spielte Herr Wiecke von Dresden, ein junger begabter Schauspieler, dem übrigens der Mensch im Naturzustande besser gelang als der reiche Abenteurer. Das Erlegen des Bären glaubte man ihm, moderne Kleidung, und wäre sie auch so geschmacklos, wie sie der Krösus gestern trug, machte Mensch und Gegend unsicher. Von den übrigen Mitwirkenden nennen wir die Damen: Frau Schmittlein die sich nur wie immer sofort überschrie Frau Körner, ein Bild mit Gnade, Frl. Reingruber, bei deren Erscheinen man aufschaut, und die Herren Lewinsky, Heine und Schmidt.

Published Apr. 5, 2018 1:19 PM - Last modified May 3, 2018 11:29 AM