Anonym anmelder i Magdeburgische Zeitung

Stützen der Gesellschaft ved Stadttheater Magdeburg anmeldt i Magdeburgische Zeitung 27. februar 1878.

Stadt-Theater.

Henrik Ibsen: «Die Stützen der Gesellschaft.»

Das in der Ueberschrift genannte Schauspiel ist das erste, welches uns mit dem norwegischen Dichter, dem Landsmann von Björnson und Hedberg, bekannt macht. Wir kennen es nicht im Originale, sondern nur in der W. Langeschen Uebersetzung und in der Bearbeitung von E. Jonas, welche letztere unserer Aufführung (am Montag, 25. Februar) zu Grunde liegt. Zwischen beiden ist ein nicht unerheblicher Unterschied: wer den Verfasser kennen lernen will, muß zu jener greifen, für die Bühne mag die letztere handlicher sein, obwohl uns darin manches Befremdende aufgestoßen ist. Im Originale heftet sich an den Titel, welcher im ganzen Stück die Parole bildet, etwas Tendenziöses, welches dem Grundmotiv nothwendig einen Zug von Uebertreibung beimischt; denn daß die gesellschaftliche Tartufferie, die sociale Lüge und Heuchelei, eine Stütze der Gesellschaft sei, entspricht doch weder der Wahrheit noch der Wirklichkeit; wo es so ist, kann es nur als Schein, höchstens als Ausnahme gelten. Der Bearbeiter hat diesen Fehler bis auf einen mäßigen Rest getilgt, um aus dem Drama ein Familiengemälde zu machen, in welches nur an einigen Stellen gewisse socialphilosophische, moderne Reflexe einfallen. Hätte er auch den Titel geändert, etwa in «Späte Reue» (wie Ch. Reade seinen Roman nennt It is never too late to mend) «Die Stimme des Gewissens» oder etwas dergleichen, so hätte er wohlgethan! Denn unser Antheil wird von dem Geschick des eigentlichen Helden, des Consul Bernick, das wesentlich von Familiengeheimnissen und Familienschicksalen bestimmt wird, so völlig in Anspruch genommen, daß jene Reflexe nur als gelegentliche empfunden werden und uns nicht hindern, das Schauspiel von Ibsen den verwandten Dramen einer Birch-Pfeiffer, eines Benedix u. A. in Vorzügen und Schwächen anzureihen. Wie eine alte Schuld den Thäter im Zenith seines äußeren Glückes bis an den Rand des Verbrechens drängt und, nachdem die Vorsehung ihm gnädig das Aeußerste erspart, die Stimme des Gewissens ihn zu Bekenntniß und Buße führt, das ist im 3. und ganz besonders im 4. Acte, der mit manchen Schwächen der vorhergehenden Scenen aussöhnt, in so kräftigen Worten und Wendungen dargestellt und mit dem Schlußgedanken: «Freiheit und Wahrheit das sind die Stützen der Gesellschaft!» so glücklich gekrönt, daß wir wohl begreifen, wie ein solches Stück in Berlin auf vier Theatern gleichzeitig in immer vollen Häusern gespielt werden kann. Manches freilich ist in der Bearbeitung von Jonas anders geworden, als es in der Langeschen Uebersetzung zu lesen ist und nicht Weniges ohne Noth und ohne Vortheil. Daß bei Jonas die «Gesellschaft» immer «Staatsgesellschaft», daß das zum furchtbaren Wagen bestimmte Schiff nicht «Gazelle», sondern «Indian Girl» heißt u. dgl., sind Kleinigkeiten. Nicht so unerheblich ist die Umarbeitung des 1. Actes, bei Lange ein lebensvolles Ensemble, in welchem sich die Sache kunstgerecht anzettelt, bei Jonas ein ziemlich trockener, mit Thatsachen überladener Dialog; nicht so unerheblich ferner ist die Umgestaltung oder die Verkürzung mancher Rolle, welche im Original wirkliche Charakterköpfe sind, in der Bearbeitung zu Theaterschablonen werden, wie Martha Bernick, Hilmar Tönnesen, Dina Dorff, aus denen es dann schwer fallen muß, wieder recht lebensfähige Gestalten zu schaffen. Gradezu für einen Unsinn müssen wir es aber erklären, daß aus dem pietistisch-puritanischen Hülfsprediger Rörlund, dem bekannten Rath Presser en miniature, welcher sich berufen fühlt, die wankende Gesellschaft mit frommer Rede und salbungsreichen Tractätchen zu stützen, ein ganz farb- und charakterloser Liebhaber geworden ist mit der Charge eines Oberlehrers. Was den berliner Bearbeiter zu dieser Metamorphose vermocht hat, ist gradezu unerfindlich; denn mit seiner ursprünglichen Stellung als geistlicher Hausfreund verliert Rörlund für uns auch allen Halt in der Familie des Consuls wie in der Oekonomie des Stücks. Indeß so wenig wir mit derlei Aenderungen einverstanden sind, so sehr erkennen wir den spannenden Gang der Handlung und die Stärke einzelner Scenen und des ganzen vierten Actes an und empfehlen das Ibsensche Drama unseren freundlichen Lesern mit gutem Gewissen. Scenirt war das neue Stück recht passend und geschickt, und gespielt wurde es zwar noch nicht ohne Nachhülfe des Souffleurs, aber im Ganzen fließend genug, in den entscheidenden Rollen und Scenen recht wirksam. Von den zweiten Rollen trat der alte, wackere Schiffsbaumeister Aune recht farbenkräftig in Herrn Schmitzs Zeichnung heraus; die Frau Consul Bernick (Frau Martinius) haben wir uns nach dem Buche gedrückter, im Ganzen milder, die Lona Hessel, den amerikanischen Regisseur (Frau Heym-Krüger) so zu sagen viel heroinenmäßiger, excentrischer oder, um es verständlicher zu sagen, forscher vorgestellt; Herrn Wellys Consul Bernick, die ausschlaggebende Hauptfigur, stimmte im Großen und Kleinen durchaus zu dem Bilde, welches man sich aus der Lecture im Voraus entwirft: Der innere Kampf zwischen dem guten und dem bösen Engel, zwischen der Stimme des Gewissens und der Meinung der Leute, zwischen dem Zwange der Heuchelei und dem Drange nach Wahrheit kam in seinen verschiedenen Phasen und Wendungen, besonders im 3. und 4. Acte, zu ergreifender, lebenswahrer Veranschaulichung und sicherte den schließlichen Erfolg des Abends. Ihm gegenüber machte sich dann Herr Wischhusen in der Rolle des Johann Tönnesen, eines Stücks wackeren Naturburschen, namentlich um den Erfolg verdient. Das Auditorium bezeigte sich anerkennend und dankbar, war aber zu unserem Bedauern kleiner, als man es bei einer so viel besprochenen Novität erwarten konnte; hoffentlich holen die nächsten Abende nach, was in dieser Beziehung dies mal versäumt war.

Published Apr. 3, 2018 12:56 PM - Last modified May 3, 2018 11:29 AM