Otto Brahm

Die Wildente på Residenz-Theater i Berlin, anmeldt av Otto Brahm i Frankfurter Zeitung, Frankfurt am Main, 6. mars 1888 (Nr. 66, Erstes Morgenblatt, Zweiunddreissigster Jahrgang).

Ibsens «Wildente» auf der Bühne.

Berlin, 4. März.

Die mit Spannung erwartete Aufführung von Henrik Ibsens Schauspiel «Die Wildente» ist heute Mittag im Residenztheater vor ganz gefülltem Hause vor sich gegangen. Nach dem Vorbild der «Gespenster»-Vorstellung vom vorigen Jahre hatte Herr Direktor Lautenburg die Form einer Matinée gewählt, für welche ein zwingender Grund nicht vorlag; denn während die «Gespenster» einem Polizeiverbot unterlagen und nur zu einer einmaligen Darstellung ausnahmsweise zugelassen waren, hatte die «Wildente» das Aufführungsrecht auch von Seiten der Polizei ohne Weiteres erlangt, und es bedurfte, nachdem das Interesse für Ibsens Schöpfungen im literarischen Publikum Berlins ein so lebhaftes geworden ist, dieses künstlich erzeugten Kuriositätsreizes durchaus nicht, um das Haus in allen Reihen zu füllen. Nach der lebhaften Aufnahme, welche das Drama heute gefunden hat, wird es daher auch bei der «einmaligen Aufführung» schwerlich sein Bewenden haben; wir wünschen und hoffen vielmehr, daß die «Wildente», wie jedes Repertoirstück, zur abendlichen Aufführung gelangt und so vielen Zuschauern zugänglich gemacht wird, wie sich eben einfinden wollen und werden.

Die «Wildente», Ibsens zweitjüngstes Stück, liegt in der vortrefflichen Uebersetzung der Frau von Borch seit einem Jahre bereits den deutschen Lesern vor*), und schon durch die Lektüre hat es zahlreiche Bewunderer gefunden. Zumal die meisterhafte Charakteristik der Hauptgestalten gewann dem Werke die lebendigste Theilnahme; dagegen schien die Komposition minder einheitlich, der Aufbau des Ganzen minder geschlossen, als in den «Gespenstern», und die eigenartige Symbolik, die schon im Titel anhebt und das ganze Stück durchzieht, erregte Kopfschütteln. Wenn aber irgendwo, so hat hier die Aufführung die glänzendste Korrektur geboten für die im Lesen empfangenen Eindrücke, und deutlicher als je bezeugte sich die eminente dramatische und theatralische Sicherheit, mit der Ibsen seine Wirkungen gewinnt: nichts in den entscheidenden Linien der Entwickelung, versagte den Eindruck und alle, die Ohren hatten zu hören, folgten in der gespanntesten Erwartung diesem merkwürdigen figuren- und ideenreichen Werk, dessen Lebensfülle dem Beurtheiler vor jene, leider nicht oft ihm begegnende, lösbare Aufgabe stellt: ein beziehungsvolles, mit der ganzen gereiften Kunst des Meisters ausgestaltetes Werk festzuhalten im Wort, mit seinen Schönheiten und seinen geheimnißvollen Reizen, mit seiner Weisheit und allseitigen Wahrheit.

In seiner entbehrungsreichen Jugend ist Ibsen bekanntlich der Lehrling eines Apothekers gewesen, und als er den Gedanken eines Studiums zuerst faßte, da war seine Absicht, Arzt zu werden. Bei einem ausgeprägten Charakter von seiner Art ist solcher Plan nicht bedeutungslos, vielmehr auf ein tiefsinneres Bedürfniß weist er hin: und so ist es kein Zufall, daß Aerzte in Ibsenschen Dramen eine wichtige Rolle spielen und daß Ibsen selbst wenn er von seinem Dichten redet, gern aus dem Leben des Mediciners seine Vergleiche zieht. Als er in seinem großen dramatischen Gedicht «Brand» einst ein poetisches Bekenntniß abgelegt, meinte er, das Stück sei ein Heilmittel für ihn, welches die Krankheit aus dem Körper getrieben, und stets sei ein energisches Produciren die vortrefflichste Kur. Als er im «Bund der Jugend» zum ersten Male einen modernen Stoff erwählt, macht er einen Arzt, Doktor Feldmann, zu einer Art Sprecher für seine eigene Meinung, zu dem «Raisonneur» im Stile des französischen Schauspiels. Ein Arzt ist der Held des «Volksfeindes», Doktor Stockmann; und ein Arzt, Doktor Relling, spricht das letzte Wort in der «Wildente». In der Heimath Ibsens hat ein Schauspieler diesen Relling in des Dichters Maske gespielt und damit freilich ein gröbliches Mißverständniß begangen; aber daß auch der Dichter etwas von dem Beruf eines Arztes, eines Seelenarztes in sich fühlt, bleibt bestehen, und ich muß, wenn ich diese radikalen Heilmittel betrachte, mit welchen er die kranke Menschheit schonungslos behandelt, an einen anderen Poeten denken, der auch von der Medizin zum Drama den Uebergang machte, und mit «Kraftkuren» hier und dort die Anhänger der Konvention, im Leben und in der Dichtung, schreckte: an den Regimentsmedicus Schiller, dessen poetische Heilmittel «Die Räuber» und «Kabale und Liebe» heißen, und dessen Motto das Wort des Hippokrates war: «Was Medikamente nicht heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer.»

Ein Mißverständniß nannte ich es, wenn jener Doktor Relling der «Wildente» mit der Meinung des Dichters identifizirt wird; und da Irrungen dieser Art sich stets und stets wiederholen, so muß auch immer von Neuem festgestellt werden: daß die Objektivität des Dramas, wie sie Ibsen anstrebt, solche Gleichsetzung nicht zuläßt. Welchem Verständigen wird es einfallen, etwa aus einer Shakespeareschen Figur, auch wenn der Dichter sie mit seiner Sympathie begleitet, Tendenzen des Autors ohne Weiteres abzuziehen? Auch Ibsen besitzt, in seinen besten Werken, diese Shakespearesche Allseitigkeit, welche ihn, um ein Word Otto Ludwigs aufzunehmen, nicht mit der Parteilichkeit eines Advokaten für seine Personen plädiren, sondern ihn in der strengen Sachlichkeit des Richters über sie urtheilen läßt. Er hat die Sachlichkeit, aber auch die Billigkeit des Richters: er sieht keine ganz schwarzen Figuren und keine ganz weißen, und selbst dem peinlich Angeklagten erkennt er noch den Schutz einer ausgleichenden, weisen Rechtspflege zu. Er zeigt nicht nur, wie die Menschen sind, sondern auch, warum sie so sind; und mit der feinsten Ausnutzung der Lebensformen des Dramas, offenbart er ihr Werden vor uns, in vollendeter Anschaulichkeit. Wenn er in Doktor Relling einen radikalen Pessimisten schildert, der das Wort «Ideal» und das Wort «Lüge» für gleichbedeutend erklärt, so gibt es plumpe Beurtheiler, welche auf diese herausgerissene Aeußerung hin den Dichter selbst hochnothpeinlich anklagen, und welche übersehen, oder übersehen wollen: daß dieser Relling aus einer bestimmten Persönlichkeit heraus seine Philosophie der Verzweiflung predigt, als ein Mann, «der sein Bestes vergeudet hat,» und daß diesem radikalen Pessimisten ein radikaler Optimist entgegensteht, Gregers Werle, der die «ideale Forderung,» gleichfalls aus seiner Persönlichkeit, aus seinem Werden heraus, mit ebensoviel Eifer und aus innerstem Drange jederzeit präsentirt. Nicht der eine oder der andere spricht Ibsens Tendenz aus, sondern in beiden miteinander ist ein Theil des Rechten und auch hier offenbart sich jene «Allseitigkeit» des Dichters; und das trivial gewordene Wort scheint sein Werk zu Ehren zu bringen: die Wahrheit wird wohl in der Mitte liegen.

Die beiden geistigen Pole des Stückes sind diese Kontrastfiguren des Pessimisten und des Optimisten, und es war von tiefer Wirkung auf die Hörer, wie im Verlauf der Handlung immer entschiedener jener Gegenstand hervortrat und wie zuletzt, in einem aufklärenden Gespräch zwischen den erbitterten Gegnern, der ethische Gedankengang der Dichtung sich offenbart. Aber, wie stets bei Ibsen, verschlingt sich mit dem geistigen Problem auf das Innigste die Fabel des Stückes; mit einer scheinbaren Natürlichkeit, die doch zugleich der Triumph der größten Kunst ist, entwickelt sich das Eine aus dem Anderen und mit dem Anderen. Jene «ideale Forderung,» welche der Schwärmer Gregers Werle überall und jeder Zeit präsentirt, und welche auf unbedingte Wahrheit hinzielt, ohne Rücksicht auf die Individualität der Persönlichkeit, vor der sie erhoben wird jene Forderung will Gregers Werle auch von seinem Jugendfreunde, dem Photographen Ekdal einkassiren; und es hält ihn nicht auf, sondern es stachelt seine Verstiegenheit noch an, daß er den eigenen Vater beschuldigen muß, wenn er jenen aufklärt. Du bist wie die Wildente, die du auf deinem Boden hegst! ruft er dem Freunde zu: du vegetirst auf einem moralischen Sumpfboden, dein Familienglück ruht auf schwachem Moorgrunde! Aber auch an Ekdal, diesem Muster eines Mannes von klingendem Wort und armseliger That, scheitert seine ideale Forderung: der Gatte einer gefallenen Frau bleibt Ekdal, und die das Opfer wird, ist die rührende Gestalt der kleinen Hedwig, welche zu Grunde geht zur Sühne fremder Schuld. Ist sie die Tochter Ekdals? Ist sie die Tochter des alten Werle? Wie die Wildente ist sie, ohne Familie, ohne Anhang, und zu wem sie sich stellen soll, weiß die «kleine Wildentenmutter» nicht, und weil sie zu gut ist, zu rein für diese Welt, geht sie unter in der ganzen keuschen Unberührtheit ihres jungfräulichen Wesens. Die Wendung schien Manchem grell, die diese Arme dahinrafft; man vermißte, nach altem Gesetz, die «tragische Schuld», die ihren Tod erklärt. Aber ist es nicht tröstlich, dieses Kind der Sünde geborgen zu wissen vor allen Gefahren und aller Noth, die aus ihrer Umgebung heraus sie bedroht? Sie gerettet zu sehen vor den Gefahren des moralischen Sumpfes, in dem sich Ekdal festgebissen, gleich der Wildente?

Bis zu diesem tragischen Schluß hat ein Theil der Hörer dem Dichter nicht Folge leisten mögen; aber ganz einmüthig haben sie denjenigen Scenen der mittleren Akte zugestimmt, in welchem das Familienleben der Ekdals sich entfaltet, mit einem Reichthum des Details und einer Fülle der realistischen Züge, welche man nicht genug bewundern kann. Nicht blos die Gabe der feinsten Charakteristik und der plastischen Gestaltung ist es, die hier auffällt, sondern auch der eminente Kunstsinn und die Energie, mit der die Beziehungen hinüber und herüber geknüpft sind, die Kraft der «Verzahnungen» mit der Glied in Glied sicher und rückenlos eingreift. Nur die durchdringendste Kunst kann so gestalten, und nur die eindringendste Beurtheilung könnte die Geheimnisse dieses Wunderbaues alle aufdecken. Ekdal, der Photograph, der arme Bursche mit seinen Phrasen und seinem Appetit, seinem Flötenspiel und seiner in eitel Dunst sich lösenden Zukunfts-Erfindung. Ekdal, dem stets die Redensart auf der Zunge schwebt, «Ein Mann, wie ich», der sein Haar nicht «wellig», sondern «eher lockig» genannt haben will, der Deklamator und angebliche «Familienversorger», der sich von Frau und Kind erhalten läßt mit welcher Fülle des Lebens steht er vor uns, in ganzer Figur angeschaut, wahr im kleinsten Zuge vom Scheitel bis zur Sohle. Man darf getrost sagen, daß eine reichere, glänzendere Gestalt das neuere Drama überhaupt nicht hervorgebracht hat, als diesen bei aller Thorheit und Erbärmlichkeit doch noch mit einem Schein von Liebenswürdigkeit umkleidete Hjalmar Ekdal. Unerschöpflich ist der Dichter in immer neuen Einfällen, welche die Gestalt noch schärfer herausheben, von allen Seiten beleuchtet er ihn, in Licht und Schatten und allen Nüancen, bittere Satire spricht, der Ernst des ethisch gestimmten Seelenarztes, und wiederum der überlegene Humor des Menschenkenners. Und wie rührend stellt sich nun zu diesem Phrasenhelden das Kind seiner Erziehung, die arme Hedwig, die mit dem Ueberschwang der Empfindung, welche für jenen nur Deklamation ist, Ernst macht, die über allen Romanen schwärmen gelernt hat und in einer Extase des Opfermuthes, dessen gleichen Ekdal nie gekannt, aus dem Leben geht, still, sichern Schrittes und reinen Herzens. Und wiederum die Mutter Hedwigs, Gina, die ehemalige Wirthschafterin des reichen Werle, die mit einer verschwiegenen Schuld in die Ehe geht und die doch durch ihre herzhafte Natürlichkeit und Bravheit uns gewinnt, so daß wir sprechen: Herr, vergib ihr, denn sie wußte nicht, was sie that. Und dazu Ekdals Vater, diese Bühnenfigur von erstem Range, mit ihrer stumpfen Beschränktheit und ihrer auf die Dachkammer gebannten Freude an Jagd und Wildenten; und die beiden Mitbewohner jenes merkwürdigen Hauses, der verbitterte, verkommende Arzt und der Theologe mit «dämonischen» Eingebungen, die so natürlich in diese Gesellschaft hineinpassen es ist eine ganze kleine Welt für sich, ein wahrer Mikrokosmos jener Lebenssphäre, und das Dasein selbst, mit all seiner pulsirenden Wahrheit und seiner Unerschöpflichkeit, scheint sich vor uns aufzuthun, in der Bodenkammer des Photographen Ekdal . . . . .

Die lockenden Aufgaben, welche Ibsen der schauspielerischen Darstellung zumal in diesem Werke gestellt hat, das auch in der äußeren Lebendigkeit und Buntheit der Vorgänge zu seinen anziehendsten gehört, hat die Aufführung des Residenztheaters mit dem löblichsten Eifer zu erfüllen gestrebt. Zu den Mühen der Inscenirung und der Regie hat Herr Lautenburg auch noch die Last der Darstellung der Hauptrolle, des Photographen Ekdal, auf sich genommen und hat diese Fülle der Pflichten glücklich gelöst. In Fräulein Zipser stand ihm die lieblichste Hedwig zur Seite; die Darstellerin, deren halb kindliche Gestalt für diese Aufgabe wie geschaffen erschien, hat zu dem starken Erfolg mit ihrem anheimelnden Plaudern und ihrer natürlichen sanften Anmuth reichlich beigetragen; nur die tragische Wendung des Schlusses liegt außerhalb der Grenzen ihres sympathischen Talents. Fräulein Kronau hatte sich mit resolutem Können aus der französischen Salondame in eine derbe Norwegerin verwandelt, während Frau von Pöllnitz die höherstrebende «Hausdame» des alten Werle mit der treffendsten Schärfe und Ueberlegenheit spielte. Den alten Ekdal bringt Herr Pagay zu starker Wirkung, und Herr Brandt prägt den Fanatiker Gregers besonders in der Maske und Haltung glücklich aus; sein Widerpart, Tewele, kam in den eigentlichen Ton des Stückes nicht hinein, er kann den Wiener und den Komiker nicht überwinden, und für beide ist hier kein Raum. Im Ganzen zeigte auch diese Aufführung, wie anregend für die Schauspieler es wird, Menschen, nicht Schablonen und Puppen darzustellen, und wie die besseren unter ihnen mit ihren höheren Zwecken wachsen: Grund genug, um auch im eigensten Interesse der deutschen Schauspielkunst den Werken, wie sie Ibsen uns geschenkt hat, die weiteste Geltung zu wünschen.

Otto Brahm.


*) Berlin 1887, S. Fischer.
Published Mar. 20, 2018 1:31 PM - Last modified May 3, 2018 11:29 AM