Heinrich Hart

Urpremieren på Bygmester Solness ved Lessing-Theater anmeldt av Heinrich Hart i Tägliche Rundschau i Berlin 21. januar 1893.

Theater und Musik.

* So lange das Theater ist, wie es heute ist, fühle ich ein fast körperliches Unbehagen, wenn ich Dichtungen, deren Gedanken- und Empfindungsgehalt unser innerstes Hirn-, Herzens- und Nervenleben berührt, in den Krallen der Komödianterei und eines Publikums sehe, das im Theater Komödie, nicht Leben, Unterhaltung, nicht Durchrüttelung sucht. Mysterien verlangen inbrünstige Darsteller und inbrünstige Zuschauer, sonst werden sie für den Gläubigen zur Blasphemie. Nur als Mysterien aber sind die neueren Dramen Henrik Ibsens begreiflich; Mysterien freilich nicht eines siegreichen Glaubens, der die Welt erobert hat, sondern Mysterien einer dämmernden, ringenden, nach der letzten Klärung sich sehnenden Weltanschauung. In weit höherem Grade noch als «Hedda Gabler» ist der «Baumeister Solneß» ein solches Mysterium; daher das ästhetische Ungenügen, das er zurückläßt, daher seine quälende Symbolik. Ibsen kann nicht deutlicher sprechen, weil er das Kommende erst im ahnenden Empfinden trägt, nicht aber im klar schauenden Geiste; er weiß selbst noch nicht: wird das Land, das in der Ferne durch den Morgennebel schimmert, Indien sein oder eine ganz neue, ganz andere Welt? Ihn selbst schwindelt es, wie seinen Baumeister vor dem Aufstieg in das Ungewisse, ihn selbst schauert es vor dem, was in der Jugend gährt, er selbst sehnt sich nach dem Luftschloß «mit der Grundmauer darunter», aber er ahnt, daß er nie darin einziehen wird. Und doch hat auch er, gleich Halvard Solneß, die Jugend, die er fürchtet, mit erzogen, das Neue, vor dem ihn schwindelt, mit herbeilocken helfen. Es ist eine sehr melancholische Dichtung, dieser «Baumeister Solneß», die Dichtung des Greisenalters, das mit der Vergangenheit gebrochen, die Zukunft aber noch verschlossen sieht; und doch auch ein verheißungsvolles Werk, dem Vorfrühling gleich, der mit dem Eise kämpft, aber schon schwanger ist von kommenden Sonnen. Nur ein Theaterstück ist dieser «Solneß» nicht. Ich verdenke es den Zuschauern, die am Donnerstag im Lessingtheater drei Stunden geistiger Pein durchmachten, keineswegs, daß sie dieser Fülle von Andeutungen und Anspielungen, diesem Durcheinander von Leitmotiven, diesem grausamen Versteckenspielen gegenüber sich öfter an den Kopf faßten und stöhnten «das ist ja das reine Irrenhaus, das ist Dalldorf, Bedlam, Narragonien», oder auch mit schnöden Witzen sich über ihr Nichtverstehen trösteten. Ich selbst bilde mir durchaus nicht ein, Alles zu begreifen, was Ibsen in die Dichtung hineingeheimnißt hat, dazu fehlt mir der stille Fleiß des Kommentators, der froh ist, aus einem Haufen Zweifel ein winziges Körnchen Gewißheit herauszupicken. Ich kann nur ausdrücken, welche Ideen und Empfindungen das Werk in mir erweckt und erregt hat, und zwar nicht die Theatervorstellung mit ihren allzu flüchtigen Bildern, sondern ein wiederholtes Lesen. Wer die Dichtung analysiren will, muß zunächst eine reinliche Scheidung vornehmen zwischen dem realen dramatischen Gehalt und dem Wust symbolischer Andeutungen, soweit eine solche Scheidung möglich ist. Real kann man diesen Halvard Solneß nennen, soweit er sich bloß als Individuum giebt. Er ist ein Baumeister, der es versteht, die Kräfte Jüngerer für sich auszunutzen und nur immerfort in der Angst lebt, daß diese Jüngeren eines Tages sich frei machen und ihn überflügeln und über den Haufen werfen. Diese Angst ist berechtigt, weil Solneß das Beste, was er schafft, nicht der klaren Einsicht in das Wesen seiner Kunst verdankt, sondern seinem genialen Instinkt, und weil seine Erfolge weniger der eigenen Arbeit entspringen, als der Gunst des Schicksals, das mit magischen Banden an ihn gefesselt erscheint. Diese Gunst hat Solneß freilich theuer erkaufen müssen mit dem Verlust seines Familienglücks und mit der Ruhe seiner Seele. Bis hierher ist die Dichtung ein Monolog, kein Drama. Das Dramatische kommt erst mit Hilde Wangel hinein, zugleich aber auch das Symbolische und scheinbar Mystische. Es ist unmöglich, in dieser Nordlandsmaid einen realen Menschen von unsrem Fleisch und Blut zu sehen. Die fixe Idee, mit der sie sich schleppt, hat nur einen Sinn, wenn sie die zukunftsfrohe Jugend verkörpern soll, die Jugend, die nicht von Halvard Solneß unterdrückt und ausgebeutet wird, sondern die Jugend, die ihn selbst für sich ausnutzt, indem sie ihn anstachelt, das Höchste, das «Unmögliche» zu leisten. Hilde sieht in Halvard den Mann, der ihr das Luftschloß, das sie ersehnt, das Luftschloß mit einer Grundmauer darunter bauen soll. Früher hat er Kirchen gebaut, aber das befriedigte ihn nicht, dann baute er «Heimstätten für die Menschen», doch die «Menschen haben Heimstätten gar nicht nöthig, jedenfalls nicht um glücklich zu sein». Der Menschheit ist also überhaupt nicht zu helfen, wohl aber dem Individuum, das sich in einem Phantasieschloß, wenn es nur die nöthige Grundlage der materiellen Wohlfahrt hat, behaglich einrichten kann. Zum Zeichen, daß Halvard fähig ist, dieses Höchste, wozu es der Mensch bringen kann, dieses Schloß zu bauen, zum Zeichen fordert Hilde, daß Halvard den Thurm des Hauses, das er sich neu errichtet hat, erklimme, schwindelfrei, die Fahne in der Hand. Es gelingt ihm; aber er kann sich auf der Spitze nicht halten und zerschmettert im Steinbruch. Daß es sich hier um keine Realität handelt, sondern um Symbolik, liegt auf der Hand. Wenn aber Hilde ein Symbol ist, dann muß es auch Halvard sein. Wenn sie die Zukunftszuversicht, so muß er das Geschlecht von heute und gestern verkörpern, das des Kirchenbaues, der Religion müde geworden ist, das vergebens gesucht hat, durch den Bau von «Heimstätten» das soziale Glück zu schaffen, und das nun von der Jugend die Losung empfängt: «Selbsterlösung des Individuums». Es greift gierig nach dieser Losung, aber es ist bereits innerlich zu zerrüttet, um sie verwirklichen zu können, er hat wohl den Willen, egoistisch glücklich zu sein, aber es fehlt ihm das «robuste Gewissen» des in sich selbst ruhenden Egoismus. Eins wird bei dieser Auffassung nicht ganz klar: warum wendet sich Hilde mit ihren Hoffnungen an Halvard, den Mann der verzweifelnden Gegenwart, und nicht an einen der Jüngeren, der gleich ihr, der Zukunft gewachsen ist. Halvard ist ihr freilich vertraut als das Ideal ihrer Kindheit, von den Jüngeren weiß sie noch nichts. Es können aber auch noch andre symbolische Beziehungen in das Grundthema hineinspielen: Halvard verkörpert in engerem Sinne wohl auch das Künstlerthum, das zwischen Altem und Neuem steht, er ist vielleicht, wenigstens zum Theil, Ibsen selbst. Und andrerseits läßt sich der Gedanke nicht abweisen, daß sich der Dichter hier und da über den Leser lustig macht. Ein bissel verrückt sind wir Alle mit unsrem Fragen und Sorgen und Bangen, verrückt, daß wir fragen, statt rücksichtslos zu leben. Nicht umsonst sagt einmal Solneß: «Ich kann nicht herausbringen, ob Sie das Alles meinen, was Sie sagen. Oder ob Sie nur dasitzen und Unsinn treiben» In der Form Form im weitesten Sinne genommen bildet der «Solneß» gerade eine solche Halbheit, wie all die jüngsten Dramen Ibsens. Er sucht eine Vereinigung von Symbol und Realität, von Mysterium und Bühnenstück, die in dieser Weise niemals erreichbar ist. Im Grunde genommen entspringt der mystische Eindruck, den diese Werke ohne Zweifel hervorrufen, durchaus nicht den Ideen- und Empfindungstiefen der Dramen, nicht ihrer Innerlichkeit, sondern fast einzig der formalen Behandlung. Es ist eine ganz absichtliche Unklarheit, die Ibsen durch Gedankenstriche, Andeutungen, Gedankenvermengelungen u. s. w. hervorruft, kurz mehr gemachte Unklarheit, als Mystik. Die Bedeutung dieser Werke liegt auch gar nicht in den Ideen, noch weniger in dem Stil, dessen Manierirtheit dann und wann auf eine Selbstparodie hinausläuft, sondern in den Gestalten. Diese Hedda Gabler, dieser Halvard, diese Hilde sind denn doch Schöpfungen, gegen deren Einfluß wir innerlich oft revoltiren mögen, die sich aber doch in unser Geistesleben einspinnen und sich zu Kristallisationspunkten neuer und brünstiger Empfindungen in uns machen. ... Von der Darstellung sei nur so viel gesagt, daß jeder Einzelne sich nach Kräften bemühte, dem Zuschauer Ibsen lebendig zu machen. Vollständig gelang das nur Marie Meyer (Frau Solneß) und Elise Sauer (Kaja); Reicher war in einzelnen Momenten groß und bedeutend, aber die Gestalt Ibsens kam in ihrer Ganzheit nicht zum Vorschein. Die Hilde ist für Marie Reisenhofer eine ebenso passende Rolle, wie etwa die Jungfrau von Orleans, sie hätte nichts daraus machen können, auch wenn sie in alle Tiefen der Rolle eingedrungen wäre.

Heinrich Hart.
Publisert 27. mars 2018 23:30 - Sist endret 27. mars 2018 23:30