Anonym anmelder i Das Vaterland

Nora ved Wiener Stadt-Theater anmeldt i Das Vaterland i Wien 10. september 1881 (No. 249, XXII. Jahrgang).

Theater- und Kunstnachrichten.

d.   (Stadttheater.)   Henrik Ibsens dreiactiges modern-sociales Drama «Nora», welches in der letzten Saison bezüglich der Erwerbung und Aufführung das Object eines von drei Wiener Bühnen geführten Concurrenzstreites gebildet hatte, gelangte endlich gestern im Wiener Stadttheater zur ersten Aufführung. Während das Schauspiel unter seinem Originaltitel «Et Dukkehjem» («Ein Puppenheim») in des Dichters Heimatlande ungemeine Anerkennung fand und in den Hauptstädten der skandinavischen Reiche und Dänemarks zahlreiche Aufführungen erlebte, konnte «Nora» bei den Aufführungen in Deutschland und ebenso gestern in Wien nur getheilte Erfolge erzielen. Das Schauspiel beginnt mit einer trefflichen Exposition, welche die hervorragende dramatische Befähigung des Autors documentirt, ist reich an poetischen Schönheiten, an psychologisch feinen Zügen und sorgfältig ausgearbeiteten Details, namentlich im zweiten Acte, leidet aber an einigen sehr unschönen und verletzenden Einzelheiten und gegen das Ende an dem Mangel eines sogenannten «befriedigenden» Abschlusses eines harmonischen Ausklingens oder einer tragischen Erschütterung. Eine namenlose, unheimliche Oede, leerer und weiter als das Grab, gähnt den beiden scheidenden Ehegatten entgegen, aber in den Worten der von ihnen geführten Rede und Gegenrede wird der Ernst der Situation dem Hörer nicht genügend motivirt und eindringlich zum Bewußtsein gebracht, er ist nicht recht glaublich, und des Dichters Intentionen finden nicht volles Verständniß. Wenn zudem die Darstellung nicht eine vorzügliche ist, so schlägt das Ernste der Schlußscenen geradezu in das Lächerliche um. Bei der Aufführung von gestern stand nur Fräulein Hofmann theilweise auf der Höhe der mit der Titelrolle übernommenen Aufgabe und vermochte deren Doppelnatur zu betonen, die allmälig aus unbewußter kindlicher Naivetät zum Bewußtsein über Frauenwerth und Frauenwürde, aus tändelnder Spielerei zum Ernste des Lebens heranwächst, dann freilich auch bei dem bloßen Vorhandensein nur rein irdischer Triebe in hysterische Ueberspanntheit verfällt. Herr Steinar ließ als Gatte Noras jede Wärme und Innerlichkeit des Spieles vermissen und trug zu dem Umkippen des letzten Actes sein redlich Theil bei.
Publisert 2. apr. 2018 15:23 - Sist endret 2. apr. 2018 15:23