Theodor Fontane

Die Frau vom Meere ved Königliches Schauspielhaus anmeldt av Theodor Fontane i Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen. Vossische Zeitung, Berlin, 6. mars 1889 (Nr. 109).

Theater, Musik, Konzerte rc.

Königliche Schauspiele.

Der gestrige (Dienstag) Abend brachte zum Besten der Unterstützungskasse des Vereins «Berliner Presse» zum ersten Male Henrik Ibsens fünfaktiges neuestes Schauspiel: Die Frau vom Meere. Der Erfolg war ein großer, wuchs von Akt zu Akt und führte, vom 2. Akt an, nach jedem Aktschluß zu vielfachem, immer stürmischer werdenden Hervorruf des Dichters, der denn auch erschien und dankte. Die Kritik hat zunächst die Pflicht, diesen Erfolg zu verzeichnen, aber sie hat, bei dem höchsten Respekt vor diesem großen und in vielen Beziehungen ganz einzig dastehenden Talent, nicht die Pflicht, diesem Erfolge zuzustimmen. Meinerseits wenigstens kann ich es nur theil- und bedingungsweise. Die drei ersten Akte waren auch auf mich von einer mächtigen, einer recht eigentlichen Ibsen-Wirkung und auch Strengere, die mit längerer Elle zu messen gewohnt und, wie gern zugestanden werden mag, auch berechtigt sind, werden kaum im Stande gewesen sein, sich dieser unmittelbar die Nerven und Sinne packenden Wirkung der drei ersten Akte zu entziehen. Allerdings finden sich auch hier schon Anfechtbarkeiten und der 2. Akt muthet in seiner Hauptszene dem Zuschauer nach der Seite des, wenn ich mich so ausdrücken, physiologisch Mystischen hin, mehr zu, als ihm vielleicht zugemuthet werden darf. Alles bleibt aber aus einem Guß, und wenn Bedenklichkeiten kommen, so wissen die gerade hier besonders stark hervortretenden Ibsengaben: die Kunst der Entwickelung, der graduellen Aufklärung und vor Allem der poetische Zauber seiner zu seiner ganzen Dichtungsweise so vorzüglich passenden Simplizitätssprache der aufsteigenden Bedenken wieder Herr zu werden. Bis zum Schluß des 3. Akts sind wir, wir mögen wollen oder nicht, im Bann des Stücks. Aber mit dem 4. Akt beginnt ein neues Stück, weil ein ganz neues Element eingeführt wird: das bekannte Eheproblem nimmt seinen Anfang. Bis dahin vor naturwissenschaftliche Fragen und Räthsel und zwar speziell vor die Frage von der geheimnißvollen Macht des Meeres und aller derer die ihm «anverwandt und zugethan sind» gestellt, stehen wir mit einem Male vor der von Ibsen so gern erörterten Frage von der echten und unechten, der richtigen und falschen Ehe und erfahren, ohne daß von dem «das Wasser rauscht, das Wasser schwoll-Zauber» im weiteren Verlauf noch viel die Rede wäre, daß die Ehe zwischen Doktor Wangel und seiner Frau Ellida keine rechte Ehe gewesen sei, deshalb nicht, weil sie der Freiheit und Selbstbestimmung entbehrte. Das Leitmotiv des Stückes hat also gewechselt. Erst im 5. Akt nimmt der Dichter das ursprüngliche Meerfrau-Motiv wieder auf, aber nur, um uns in einer großen Schlußszene die Macht der Freiheit und Selbstbestimmung über alle andren Mächte zu zeigen, vor allem über den bloßen Spuk der Naturmächte, die vor dem Mächtigeren hinsterben. Ein höchster Triumph des Sittlichen. In unserer Abendnummer oder morgen früh kommen wir des Weiteren auf Inhalt und Bedeutung des Stückes zurück.
Th. F.
Publisert 6. apr. 2018 09:52 - Sist endret 6. apr. 2018 09:52