Anonym anmelder i Augsburger Abendzeitung

Gespenster på Augsburger Stadt-Theater anmeldt i Augsburger Abendzeitung 16. april 1886.

Theater.

Augsburg, 15. April. «General-Probe. Gespenster. Ein Familiendrama in 3 Aufzügen von Henrik Ibsen. Aus dem Norwegischen von M. v. Borch.» Diese Ueberschrift trug ein elegant ausgestattetes Theaterprogramm durch welches Hr. Direktor Aug. Grosse eine Anzahl von Schriftstellern und ernsten Theaterfreunden aus Augsburg und München zu einer Vorstellung seltener Art eingeladen hatte. Das Schauspiel eines berühmten Theaterdichters, welchem die Welt Werke wie «Nora» und «Die Stützen der Gesellschaft» verdankt, und dieses Schauspiel, nachdem es auf den Theatern zu Kopenhagen und Stockholm mit achtungsvoller Entschiedenheit abgelehnt worden, ist nun verdammt, ein Buch-Drama zu bleiben, wer weiß, auf wie lange? Nicht wie jene Buch-Dramen, welche durch ihre Unfähigkeit, den Forderungen des Lebens und der realen Bühne gerecht zu werden, von den Brettern verbannt sind, sondern wie eine gewaltige Dichtung, deren Tiefe und Wahrheit vor sich zu schauen die heutige «Gesellschaft» sich sträubt, weil sie fürchtet, ihr eigenes Ebenbild darin zu erblicken. Wir können es unterlassen, die Handlung dieses Familiendramas unseren Lesern zu erzählen. Das Stück ist unter Nr. 1828 der Reklamschen «Universal-Bibliothek» erschienen und für 25 Pfg. in jeder Buchhandlung zu haben. Außerdem verweisen wir auf die ebenso geistreiche als liebevoll eingehende Studie, welche Dr. Max Bernstein in Nr. 25 des «Sammler» vom Jahre 1884 über dieses Drama veröffentlicht hat. Die «Gespenster» sind nur eine Variation jenes zwar nicht unserem Ohr und Gefühl sich einschmeichelnden, aber durch die herbe Kraft der Wahrheit uns überzeugenden Grundthemas, auf welchem seine «Stützen der Gesellschaft» und «Nora» aufgebaut sind, und das wir in dem Horazischen: «incedis per ignes suppositos cineri doloso» ausgesprochen finden. «Du schreitest dahin über Flammen, die unter trügerischer Asche verborgen sind!» ruft der Dichter der gedanken- und ahnungslos an einem Abgrund dahinwandelnden Menschheit zu. Die rücksichtslose Wahrheitsliebe, mit welcher er Personen und Verhältnisse schildert, die unerbittliche, grausame Folgerichtigkeit, mit welcher er die Konsequenzen seiner im höchsten Sinne sittlichen Weltanschauung zieht, werden dem Stücke auf lange Zeit die Bühnen verschließen; aber daß die gewaltige Dichtung, welche in Bezug auf die künstlerische Durchführung, in Bezug auf mächtige Bühnenwirksamkeit von keinem anderen Bühnenwerke der Neuzeit erreicht, geschweige übertroffen wird, auf deutschem Boden überhaupt eine Aufführung erleben konnte, das ist eine künstlerische That Aug. Grosses, deren Kunde den Gliedern der großen Gemeinde nicht verborgen bleiben darf, welche in Henrik Ibsen einen Erneuerer der wahren Bühnendichtung erkennt. Die Darstellung des Werkes, zu welcher von München her die Schriftsteller F. Philippi, Max Bernstein, Ludwig Fulda, den edlen Dichter Henrik Ibsen in ihrer Mitte, herübergekommen waren, war eine so vorzügliche, wie sie nach unserer Ueberzeugung nur wenige Bühnen zu leisten vermögen. Wenn wir uns darauf beschränken, hier nur die Namen der Mitwirkenden (es sind ihrer nur fünf) zu nennen, so mögen sie darin eher ein Zeichen unserer Dankbarkeit und der Hochachtung vor ihrer begeisterten und so erfolgreichen Hingebung an ihre schönen Aufgaben, als eine Unterschätzung ihres Verdienstes erkennen. Frl. Hausen (Frau Alving), Frl. Weigel (Regina Engstrand), Hr. Wendt (Oswald), Hr. Hellmuth-Bräm (Pastor Manders) und Hr. Krägel (Tischler Engstrand) werden allen Zeugen dieser in ihrer Art einzigen Vorstellung um so mehr in dankbarer Erinnerung bleiben, als es ihnen vergönnt war, die ersten und wie wir fürchten, auf längere Zeit einzigen Interpreten dieser gewaltigen Dichtung zu sein!

Publisert 21. mars 2018 10:41 - Sist endret 21. mars 2018 10:41