Franz Wallner

Erindringer om oppsetningen av Gengangere på Residenz-Theater Berlin av Franz Wallner i Die Deutsche Bühne, Jg. 20 (1928), Berlin, s. 62-64.
FRANZ WALLNER D. Ä.:

IBSENS FREUDENTRÄNEN

ERINNERUNGEN AN DIE ERSTE «GESPENSTER»-AUFFÜHRUNG
ZU HENRIK IBSENS 100. GEBURTSTAGE.

Es sind nun schon über 40 Jahre verflossen, seit die erste Gespenster-Aufführung im Berliner Residenz-Theater am 9. Januar 1887 stattgefunden, doch hat sich dieser Tag frisch in meinem Gedächtnis erhalten zählte er doch zu den ereignisreichsten meiner Bühnenlaufbahn.

Es war im Oktober 1886. Ehe ich mich in meine Garderobe zu den Vorbereitungen für die Vorstellung begab, reichte ich meinem präsumtiven Direktionskollegen, dem in Berlin zur Zeit mit Recht sehr angesehenen Regisseur und Direktor Anton Anno, eines der bekannten hellroten Reclambändchen mit den Worten: «Lesen Sie das und wenn Sie von dem Stück ebenso begeistert sind, wie ich, sind wir aller Spielplansorgen für lange Zeit enthoben.» Während wir den ersten Akt des Gondinetschen Großstädter spielten, schickte Anno zu mir mit der Bitte, die Bühnen-Regie (man nennts vulgär Stallwache) zu übernehmen. Ich mußte, er las! Ich hatte die Genugtuung und Freude, daß er das Drama in einem Zuge gelesen und meine Bewunderung vollkommen teilte. Wir blieben diesen Abend es war wohl Nacht geworden noch lange beisammen. Anno, seine kluge Frau Charlotte Frohn und meine Wenigkeit, um alle Einzelheiten zu besprechen.

Es wurde eine stimmungsvolle Dekoration entworfen; die für die Zensur nötigen Bücher wurden ohne sonderliche Bedenken der Polizei überreicht. Für die Darstellung standen dem Residenz-Theater Kräfte zur Verfügung, wie sie kaum mehr zu finden sind. Charlotte Frohn sollte die Frau Alving, Emanuel Reicher den Pastor Manders, der Charakterspieler Würzburg den Tischler Engstrand und Helene Schüle die Regine spielen nur für die ganz eigenartige Rolle des Oswald fehlte der Darsteller. Inmitten der Vorbereitungen und auf der Suche nach einem Oswald traf uns ein Blitz aus heiterem Himmel: das Polizeiverbot! Es war uns unbegreiflich, warum man dieses Stück verbot, ein Stück, das so hoch über den erlaubten Pariser Eindeutigkeiten stand. Das Stück war verboten.

Zur selben Zeit war eine Wohltätigkeitsvorstellung für einen in Not geratenen ehemaligen Berliner Theaterleiter geplant. Anno unterbreitete der Zensur die Bitte, eine einmalige Aufführung der Gespenster zu diesem wohltätigen Zweck zu gestatten. Die Berliner Theaterzensur erbarmte sich der Muse Henrik Ibsens und sie durfte einen ganzen Tag in den Mauern der Reichshauptstadt verweilen aber nur am Tage durften die Gespenster umgehen, für eine Abendvorstellung waren sie zu gefährlich.

Da es sich um eine einmalige Vorstellung handelte, glaubte ich nun auch den Oswald gefunden zu haben; keinen andern als Josef Kainz wollte ich dafür gewinnen, allein er konnte sich nicht für diese Idee erwärmen, ihm gefiel weder Stück noch Rolle. «Schon der erste Aktschluß wird ungeheuere Heiterkeit erwecken», waren damals seine Worte. Er lehnte energisch ab.

Was nun? Da hatte Anno den mir ganz ungeheuerlich erscheinenden Einfall, daß ich die Rolle spielen müsse? Ja wenn die Begeisterung ausgereicht hätte, die Rolle darzustellen dies hatte wohl auch Anno auf den kühnen Gedanken gebracht, mir, seinem jugendlichen Komiker, diese schwierigste aller Rollen anzuvertrauen. Ich hatte wohl schon öfter Gelegenheit gehabt, Rollen mit pathologischem Einschlag mit Erfolg zu spielen, allein sie gingen doch immer auf das Bestreben hinaus, dem Publikum ein Lächeln abzugewinnen aber den Oswald? Wird man mirs glauben? Vieles Zureden ließ mich endlich einwilligen, unter der Bedingung, daß Anno mit mir die Rolle durchnähme. Anno war ganz besonders ein erzieherischer Regisseur: er verstand es, ein schlummerndes Fünkchen Talent anzufachen. Es ging also an das Studium der Rollen, viele Nächte opferten wir, Anno, Charlotte Frohn und ich. Wie oft sank mir nicht der Mut, wie viele Tränen vergoß Charlotte Frohn, ehe sie den Ton ihrem Regisseur und Gatten zu dank traf! Aber auch diese Zeit ging vorüber. Endlich konnten die Bühnenproben beginnen.

Vier Wochen vorher hatte ich von Henrik Ibsen die Einwilligung zur Aufführung eingeholt. Wie schwierig aber dies Vorgehen war, zeigte mir der Brief Ibsens mit seinen wunderbaren, wie gemeißelten Schriftzügen, in welchen er mir mitteilte, daß er außerstande sei, irgend eine Auskunft über den Uebersetzer oder dessen Agenten zu geben, daß es ihm aber eine große Freude bereiten würde, wenn wir das Stück zur Aufführung bringen wollten.

Trotz größter Geheimhaltung war doch etwas in die Oeffentlichkeit gedrungen, und so setzte ich denn Paul Schlenther, damals das Haupt der gerade im Entstehen begriffenen Ibsen-Gemeinde, von unserem Vorhaben in Kenntnis, er schrieb mir darauf sofort begeistert: «Das also war des Pudels Kern! Plaudite! Plaudite! Jedenfalls bestelle ich zwölf nahe Parkett für die Ibsen-Gemeinde.»

Unerwartete Hindernisse traten unserer Aufführung vor Weihnachten entgegen; obwohl das Stück bereits «fest stand», hatten wir doch in einigen zwanzig Proben (für eine einmalige Aufführung!) Zeit, alles aufs peinlichste auszuarbeiten und immer noch «feilte» unser unermüdlicher Regisseur. Alles war auf den einen düstern Ton gestimmt, der wie eine schwere Schicksalsahnung die Dichtung durchklingt.

Endlich konnte der Tag der Vorstellung auf den 9. Januar (1887) festgesetzt werden. Henrik Ibsen hatte sich telegraphisch schon zur Generalprobe angemeldet. Diese war eine kleine Separatvorstellung vor geladenem Publikum. Der Dichter selbst folgte in einer Loge dem Gange der Handlung, ab und zu kleine Aenderungen wünschend; im Parkett hatte sich eine kleine Gemeinde von Künstlern, von intimen Freunden des Theaters und Ibsenianern eingefunden.

Otto Brahm hatte den Auftrag übernommen, bei Ibsen zu sondieren, ob er einem Hervorruf wohl folgen würde (so überragend-außergewöhnlich erschien er schon damals uns Theaterleuten); Brahm legte ihm beim Abholen in seinem kleinen Zimmer im Hotel du Nord die Frage vorsichtig vor. Der Dichter, wie der Wolf John Gabriel, vielmals den Raum durchschreitend, hin und her, hin und her, sagte nur: «Wenn so etwas passieren sollte, wenn so etwas passieren sollte «.

Welch anderes Bild bot das Theater am Tage der Aufführung! Allerdings hätte das Haus dreimal so groß sein können, um alle die aufzunehmen, die Zeugen des Ereignisses sein wollten. Da sah man in einer seltenen Vollzähligkeit beisammen alle die Charakterköpfe, welche das literarische und künstlerische Berlin bildeten. Friedrich Spielhagen, Fontane, Vegas, Karl Frenzel, Landau, Paul Lindau, Rodenberg, Hopfen, Stinde, Stettenheim, Ernst Wichert alle, alle hatte das Ereignis angelockt. Ein junger vierundzwanzigjähriger Dichter befand sich auch in dem Publikum, der einen starken Eindruck fürs Leben erfuhr; er trug lange blonde Locken um einen bartlosen Kopf herum und Gerhart Hauptmann war sein Name.

Was soll ich nun über den Verlauf der Vorstellung sagen?

Ich habe Aehnliches nie wieder erlebt. Nachdem der Vorhang zum ersten Male gefallen war, blieb der von Kainz erwartete Heiterkeitsausbruch aus; es herrschte sekundenlang tiefste Ruhe, so war alles im Banne der mächtigen Dichtung, dann aber brach ein Sturm los, wie ich ihn im Theater noch nicht gehört hatte. Widerspruchslos, einstimmig wurde der Dichter hervorgejubelt und willig, siegestrunken ließ er sich oftmals an die Rampe ziehen, während ihm die hellsten Freudentränen über die Wangen liefen ein unvergeßlicher Augenblick!

Ebenso widerspruchslos wurde der zweite Akt aufgenommen, nur zum Schluß regten sich einige ästhetisch Angehauchte und versuchten einen Widerspruch, wurden aber vom Jubel des Erfolges übertönt. Auch der Schlußakt mit seiner Tragik wurde mit atemloser Spannung hingenommen dann wurde Ibsen immer wieder hervorgerufen; allerdings drangen auch die Zischer durch, konnten aber doch nicht gegen den begeisterten Jubel ankämpfen. Es blieb ein Erfolg.

Und Otto Brahm hatte Recht, als er sagte: Mit dieser Aufführung am 9. Januar 1887 sprang die Pforte zur Moderne des deutschen Theaters auf!

Es war aber auch eine Aufführung, wie man sie kaum wieder sehen wird; jeder Nerv war angespannt, jeder gab sein Bestes sein Herzblut. Die intime Wirkung des Annoschen Zusammenspiels ist wohl niemals wieder erreicht.

Der Bann war gehoben. Alles Wutknirschen, die Gehässigkeiten der Zeitungskämpfe alles konnte nicht verhindern, daß von dieser einen Aufführung ein breiter tiefer Strom der Wirkung durch die deutschen Lande ging. Nicht nur für Deutschland für Europa ward Ibsen an diesem Januarmittag neu entdeckt.

Henrik Ibsen, dessen wir an seinem 100. Geburtstage gedenken, zeigte den Spiegel der Wahrheit mit unbarmherziger Hand. Erst auf den Leuchter gestellt, der da Bühne heißt, fing das Licht des Genies allen zu strohlen an.

Publisert 21. mars 2018 10:55 - Sist endret 21. mars 2018 10:58