Signaturen «G. L.»

Gespenster ved Kammerspiele Berlin anmeldt av signaturen «G. L.» i Norddeutsche Allgemeine Zeitung i Berlin 11. november 1906 (Nr. 265, 46. Jahrgang, Unterhaltungs-Beilage).

«Kammerspiele».

G. L.  Die mit Spannung erwarteten Kammerspiele des Deutschen Theaters sind am Donnerstag eröffnet worden. Am Freitag versammelte sich im Intimen Theater ein intimer Kreis die Presse um das Reale und Ideale der neuen Kunststätte in ihren engen Wechselbeziehungen auf sich wirken zu lassen. Der Architekt William Müller, aus der Schule Messels hervorgegangen, hat das baufällige Haus einer fast märchenhaften Wandlung unterworfen. Aus einem Tanzboden der nicht immer besten Gesellschaft erstand ein Theatersaal, der in seiner vornehmen Einfachheit und Geschlossenheit die beste Gewähr für ein dauerndes Fluidum zwischen Bühne und Publikum zu verbürgen scheint. Die roten Sessel, deren Bequemlichkeit für den phlegmatischen Zuschauer immerhin etwas Gefährliches hat, die mit braunroter Mahagonitäfelung völlig verkleideten Wände, ein farbloser Plafond mit dem einzigen Schmuck einer kristallenen Krone all das macht einen feierlichen, wenngleich etwas steifen Eindruck. Intimität wurde geschaffen aber die Stimmung müssen und sollen wir auch von der Bühne empfangen. Die Nebenräume sind ein wenig kahl, im Foyer liegen ein paar echte Teppiche umher, offenbar als Ruhepunkt des Auges entgegen der überhellen Tünchung der Wände mit ihren blaßgelben Portieren. Den schmalen Vorraum schmückt eine Büste Ibsens in getöntem Marmor. Er sei Herr in diesem Tempel aller Künste sein bedeutsamstes, erschütterndstes Werk eröffnete den Reigen. Man hat Gespenster eine Familientragödie genannt; das ist falsch. Es handelt sich weder um die Familie, noch um eine Tragödie, sondern um den schuld- und willenlosen Untergang eines vor der Geburt gezeichneten, gebrochenen Menschen. Ibsen gibt die Quintessenz eines Daseins, darin sich zahllose andere Existenzen spiegeln. Er wickelt eine Begebenheit in technischer Vollendung vor uns ab mit unendlich weiten Perspektiven, nicht nur in die Vergangenheit, sondern ins Leben überhaupt. Was da durcheinander zittert an Ahnungen, Sehnsuchten, Qual, List und Lebenswillen, das ist die Fülle des unerschöpften Daseins selber. Wir hängen heute nicht mehr sklavisch an der Vererbungstheorie. Das Schicksal, das Ibsen gestaltet, muß nicht aber es kann sich vollenden irgendwo und irgendwann in der Welt wenn ein Bibelwort ist: die Schuld der Väter wird heimgesucht an den Kindern. Wer Alexander Moissi kennt, seine spezifische Anlage für die Verkörperung halber, kraftloser, zerrütteter Naturen, erwartete sich von diesem Abend ein Ereignis. Und in der Tat der Künstler brachte einen Oswald, dessen innerliche Wirrsal, dessen unstetes Auf und Ab, Zittern, Aengsten, ohnmächtiges Wüten dessen jammervolle Verzweiflung und gänzliche Umnachtung schreckhaft wahr erschienen. Moissi bereitete den Wahnsinnsausbruch intelligent und ökonomisch vor. Gewisse Verzerrungen der Mundmuskeln, ein Spielen der Finger, das Tappen des Lauernden und Gehetzten genügt, um die Katastrophe zu rechtfertigen. Frau Sorma hat sich in ihre Rolle hineingekniet. Trotzdem war ihre Frau Alving gemessen, wo sie trübe resigniert, heroisch, wo sie nur den ausgereiften Entschluß sich abzuringen müht, und mütterlich-schwach, wo der ganze Jammer einer um ihr letztes Menschenglück Betrogenen wie Feuerstrom aus ihrer Seele prasseln soll. Ihren Höhepunkt erreicht sie am Schluß des ersten Aktes, wenn sie bei Oswalds leichtsinnigem Werden, in sich zusammenschauernd, zum ersten Male von Gespenstern flüstert. Reinhardt als Tischler Engstrand stellte uns einen Filou von so ausgemachter Gottgefälligkeit vor, daß man zeitweise versucht war, ihm aufs Wort zu glauben. Herr Kayßler schöpfte seinen Grundton recht aus dem Innern, aber der Pastor tat sich etwas zu viel in Temperament und Bewegung. Lucie Höflich sah lieblich aus und blitzte den brutalen Lebenstrotz das Salz dieser Mädchengestalt keck hervor. Das schlichte Zimmer mit der Landschaft im Hintergrund hatte Stil und bekam Leben durch eine diskrete Beleuchtung. Reinhardt führte, wie immer fast, eine meisterhafte Regie im ganzen eine Vorstellung, die man nicht leicht vergißt.

Publisert 21. mars 2018 14:34 - Sist endret 16. apr. 2018 11:17