Max Bernstein

Gespenster på Augsburger Stadt-Theater anmeldt av Max Bernstein i Frankfurter Zeitung und Handelsblatt 16. april 1886 (Nr. 106, 30. Jg.).

[Aus München], 15. ds., schreibt man uns: Nur eine unter den dramatischen Schöpfungen des großen Norwegers Henrik Ibsen hat auf der deutschen Bühne Fuß zu fassen vermocht: die vielumstrittene «Nora»; das ihr folgende Stück «Gespenster», ein Familiendrama in 3 Aufzügen ist bisher in Deutschland nicht aufgeführt worden und wird, aus Schuld der Unmündigkeit unseres Publikums, wohl sobald nicht aufgeführt werden. Wie sehr dies zu bedauern ist, wie gewaltige Wirkungen dadurch dem modernen Theater verloren gehen davon haben alle diejenigen sich überzeugt, welche Herr A. Grosse der Direktor des Augsburger Stadttheaters (der in der nächsten Saison das Theater in Basel übernimmt) gestern nach Augsburg zu der «bei beschränkter Oeffentlichkeit» stattfindenden «Generalprobe» der «Gespenster» eingeladen hatte. Der treffliche, ideal gesinnte Leiter des Theaters unserer Nachbarstadt hatte ohne andere Absicht, als den Freunden der Kunst eine Freude zu bereiten, sich selbst und seinen Schauspielern eine uneigennützige Genugthuung zu gewähren mit liebevoller Sorgfalt die mächtige Tragödie in Szene gesetzt, welche sich so bescheiden eine Familiengeschichte nennt; die Schauspieler hatten mit Verständniß und Begeisterung ihre Rollen ergriffen. Der Erfolg der gestrigen Vorstellung (denn das war die «Generalprobe», die vor einigen hundert Eingeladenen gegeben wurde und welcher eine öffentliche Aufführung vielleicht nicht folgen wird) war außerordentlich; die Wirkung des ausgezeichneten, jeder ersten Bühne würdigen Spieles der Herren Wendt, Hellmut-Bräm, Krägel, der Damen Weigel und Hausen war so ergreifend und erschütternd, wie sie in einem modernen Theater sehr selten erlebt wird. Henrik Ibsen selbst, der von München herübergekommen war, durfte sich daran erfreuen. Konnte er doch sehen, daß er nicht nur ein grausames, tief bedachtes, tief empfundenes Buchdrama, sondern zugleich ein Theaterstück geschaffen hat, wie die ganze neue Literatur ein stärker wirkendes nicht besitzt. Auf den Dichter und die Darsteller wies Herr Grosse, von brausendem Beifall hervorgerufen, dankend hin; aber auch er selbst hat sich Anspruch auf herzlichsten Dank und wärmste Anerkennung erworben, indem er uns mit dem Werke eines großen Dichters bekannt gemacht hat.

M. B.
Publisert 21. mars 2018 10:43 - Sist endret 21. mars 2018 10:47