Signaturen «M. F.»

Gespenster på Deutsches Theater i Berlin anmeldt av signaturen «M. F.» i Neue Preußische Zeitung i Berlin 28. november 1894.

Theater und Musik.

Deutsches Theater.

«Gespenster. Ein Familiendrama in 3 Aufzügen von Henrik Ibsen». Autorisirte Uebersetzung. Zum ersten Male im «Deutschen Theater» aufgeführt am 27. November.

Nachdem die Zensurbehörde lange Zeit die öffentliche Aufführung des vor elf Jahren erschienenen Schauspiels «Gespenster» von Ibsen verboten hatte, wurde im Frühjahr die Aufführung freigegeben und der damalige interimistische Pächter des «Berliner Theaters» beeilte sich, davon Gebrauch zu machen. Der Erfolg var sehr mäßig. Das Stück war den Theaterfreunden und Ibsen-Verehrern durch die privaten Aufführungen in Augsburg, Meiningen, im Residenztheater, in der «Freien Bühne», «Freien Volksbühne», «Neuen Freien Volksbühne» und den verschiedenen Liebhaber-Theatern zur Genüge bekannt geworden. Auch das Théâtre libre des Herrn Antoine konnte dann mit dem schicksalsreichen Drama keine vollen Häuser in Berlin erzielen. Nun wird die neue Aufführung dadurch zu einem Ereigniß gemacht, daß das «Lessing-Theater» und das «Deutsche Theater» sie gleichzeitig bringen. Die Direktoren streiten sich darum, wer Ibsens feierlichere Genehmigung und wer die bessere Uebersetzung hat. Wir glauben, dieser recht müßige Streit wird nur deshalb so unermüdlich und mit so pikanten Erklärungen und Gegenerklärungen geführt, um das Publikum für das allzu bekannte Stück von neuem zu interessiren. Wir ließen es vom Zufall abhängen, über welche Aufführung wir zuerst berichten sollten, und er entschied für das «Deutsche Theater».

Eine Kritik des Stückes selbst vorauszuschicken, dürfte überflüssig sein. Es gehört der Geschichte an. Deutlich ist sein Einfluß auf die sogenannte moderne deutsche Dramaturgie. Hauptmann z. B. ist in seinen Erstlingsdramen durchaus abhängig von Ibsen, und besonders dessen Verwendung der Vererbungstheorie für das Familiendrama ist für Hauptmann vorbildlich gewesen. Aber diese Verirrung ist nun wohl überwunden. Man hat nachgerade überall eingesehen, daß man auf diesem Wege nur die Schicksalstragödie, allerdings ins Materialistische übersetzt, wieder zum Leben erweckte, und daß ein Schauspiel, daß nicht die Willensfreiheit zur Voraussetzung hat, seinen Zweck ganz verfehlt. So interessirten denn Ibsens «Gespenster» nur noch als klassisches Muster der Vererbungstragödie, wie Grillparzers «Ahnfrau» als unerreichtes Muster das Schicksalstragödie in der Geschichte der Literatur ihren Platz erhielt. Man übersieht nunmehr gern und leicht, was an den «Gespenstern» Experiment und Irrthum ist, auch an die Geheimnißkrämerei mit der Vorgeschichte des Dramas ist man durch Ibsen schon so gewöhnt, daß man sie als Schrulle hinnimmt. Trotzdem ist es keine angemessene oder gar nützliche Beschäftigung, zwei Stunden lang die Wirkungen einer Gehirnerweichung an einem unschuldigen Degenerirten, erblich belasteten jungen Manne zu beobachten und daneben noch Zeuge zu sein, wie Oswalds arme Mutter zusammenbricht unter unverschuldetem Elend, wie ein beschränkter, aber seelensguter Mann, Pastor Manders, von einem Heuchler und Schurken zum unschuldigen Theilhaber einer Kupplerwirthschaft gemacht wird, und wie ein junges Mädchen mit Bewußtsein die Bahn des Lasters betritt. Dergleichen kommt ja «im Leben» vor, aber wohl selten in solcher Häufung des Unglücks und Verbrechens, und es gehört die Wollust der Grausamkeit, die selbst ein Zeichen von Entartung ist, dazu um an dieser hoffnungs- und thatenlosen Versumpfung Gefallen zu finden.

Immerhin: Ibsens «Gespenster» sind da und haben sich in der Literatur für kurze Zeit einen verwirrenden Einfluß verschafft. Der Merkwürdigkeit halber kann man sie also wohl einmal auf die Bühne bringen. Wer schwache Nerven hat, wird sie gewiß nicht sehen wollen, und anders als abstoßend wirken sie nur auf die mit Scheuklappen versehenen Dogmatiker des Ibsenthums.

Das «Deutsche Theater» verfügt über die besten Ibsendarsteller: Herrn Rittner und Fräulein Bertens, außerdem über den geborenen Darsteller des Pastors Manders, Herrn Reicher, und für den Tischler Engstrand und Regine traten Künstler von universeller Begabung ein, Herr Hermann Müller und Frau Sorma. So war denn auch die Aufführung von einer kaum zu übertreffenden, dem Dichter durchaus gerecht werdenden Vollkommenheit. Die schwerste Aufgabe fiel Herrn Reicher zu. Er stattete den Pastor Manders mit einer so hinreißenden Herzensgüte und Naivität aus, daß es unmöglich war, über seine Rathlosigkeit und Unerfahrenheit zu lachen. Die Teufelin Regina kam in Frau Sormas Darstellung ganz zu ihrem Recht und doch überschritt die Künstlerin mit keiner Linie die Grenze des Erträglichen. Man sieht sie noch immer mit jeder Rolle wachsen in ihrem Können. Herr Hermann Müller ist ein Charakterkomiker, der an Talent und Geschmack mit Herrn Vollmar verglichen werden kann, er spielt noch diskreter und legt es nie auf komische Nebenwirkungen ab. Sein Engstrand war wieder eine klassische Leistung. Frau Bertens gab die ihrem Partner geistig überlegene, vor seiner sittlichen Reinheit sich demüthig beugende Frau Alving, Herr Rittner den kranken Oswald mit bekannter realistischer Treue. Die Regie des Herrn Cord Hachman hatte für eine stimmungsgerechte Ausstattung gesorgt.

Der äußere Erfolg war mäßig. Nur nach dem ersten Akte hielt das Publikum mit seiner lebhaften Anerkennung der vorzüglichen schauspielerischen Leistungen nicht zurück. Nachher dämpfte der niederdrückende Inhalt des Schauspiels den Beifall.

M. F.
Publisert 21. mars 2018 14:16 - Sist endret 16. apr. 2018 11:19