Otto Brahm

Gengangere i Marie von Borchs tyske oversettelse anmeldt av Otto Brahm i Frankfurter Zeitung, Frankfurt am Main, 13. mars 1884 (Nr. 73. Morgenblatt, Achtundzwanzigster Jahrgang).

«Gespenster».*)

Nicht ohne Neid können wir Deutschen heute auf die Entwicklung der nordischen Poesie blicken. Während bei uns ein paar starke Individualitäten, jede für sich, arbeiten und die Schaar der Kleinen, nach allen Seiten auseinander sausend, ein Bild der Zerfahrenheit darbietet, beobachten wir bei den Dänen und Norwegern eine einheitliche Literaturbewegung, die zu bestimmten Zielen hinsteuert, und bei der Groß und Klein, in Reih und Glied marschirend, treu seinen Dienst thut; eine Bewegung, die auf Befreiung der Geister aus tiefer Dunkelheit gerichtet ist und mit einer frischen, vor nichts zurückschreckenden Kühnheit ihren Weg nimmt. Es sind wirklich «goldene Rücksichtslosigkeiten», mit denen die Ibsen und Björnson und das junge Skandinavien, das in Georg Brandes einen Führer verehrt, gegen den mittelalterlichen Druck ankämpfen, der in diesen von Bischöfen regierten Staaten die Gemüther belastet.

Das kleine Dänemark, den allgemeinen europäischen Kulturströmungen entrückt, war lange in der Reaktion stecken geblieben, welche nach den Befreiungskriegen die Welt sich unterworfen hatte; und während draußen es allmälig lichter geworden war, dauerte im Norden die künstliche Finsterniß fort. Das Gewitter war vorüber, und noch immer saß man furchtsam beisammen bei geschlossenen Fensterläden. Erst seit Georg Brandes, vor etwa fünfzehn Jahren, von den «Hauptströmungen» der modernen Literatur seinen Landsleuten zu erzählen wagte, ist eine neue Epoche hereingebrochen; wie die klassische Periode unserer Literatur durch Lessing und Herder, so ist auch diese durch den mächtigen Anstoß einer rein kritischen Natur heraufgeführt worden. Nicht nur eine Schaar Jüngerer hat sich durch Brandes anregen lassen, und eine freie, moderne, dem Naturalismus zuneigende Richtung eingeschlagen, auch die beiden großen norwegischen Dichter haben sich dieser neuen Geistesrichtung hingegeben und vom historisch-romantischen Drama sind sie zur sozialen Satire, zum modernen Tendenzdrama vorgeschritten.

Tendenz das ist das entscheidendste Merkmal dieser Bewegung. Tendenz im guten und im üblen Sinne, Tendenz, die künstlerisch verwirklicht ist zu Gestalten und Situationen, und Tendenz, die neben dem Kunstwerk herläuft und trotz allen Bellens doch nicht in das Gefährt aufgenommen werden kann. Für diesen tiefgreifenden Unterschied hat der Kritiker der Schule, Brandes, nicht immer den Sinn; ihm ist der geistige Gehalt so wichtig, daß er darüber die Form geringer achtet; und er und seine Jünger fühlen sich so sehr als Kämpfer für die Sache der Freiheit, daß ihnen die Poesie oft nur Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck, ist. Es gilt, den Staat neu aufzubauen in Vertheidigung und Angriff; alles andere muß sich diesem Höchsten unterordnen. In die sozialen Fragen, mit all ihren Einzelheiten, führen uns darum diese Autoren unerschrocken ein; und Alexander Kielland z. B. hat nicht davor zurückgescheut, die Ueberbürdungsfrage der Gymnasien, die Frage, ob Griechisch gelehrt oder nicht gelehrt werden soll, zu einem Hauptmotiv seines Romans «Gift» zu machen. Es ist das natürliche Loos solcher Dichtungen, daß ihre Dauer die kürzeste ist: denn wenn nun diese Fragen einmal gelöst sind, wer wird jene Werke noch lesen wollen? Sie bleiben zurück, wie der Sandsack, wenn die Festung erstürmt ist: mit geplatzten Nähten.

Aber die Gefahr, die hier droht, achtet das junge Skandinavien gering; man ist zufrieden, etwas «zur Debatte zu stellen», und je lebhafter und einschneidender die Debatte ist, die so hervorgerufen wird, ein desto besseres Werk glaubt man geliefert nein gethan zu haben. Dieses Ziel hat am entschiedensten unter allen Henrik Ibsen erreicht: als vor einigen Jahren seine «Nora» erschien, sprach ganz Kopenhagen, die Männer und die Backfische von Wechselfälschungen; als letzten Herbst seine «Gespenster« zur Aufführung kamen, mußte jeder von dem Problem der Vererbung zu reden wissen.

Mit deutscher Harmlosigkeit hat Gustav Freytag in den «Ahnen» das nämliche Thema behandelt; mit herber Energie gestaltete es Zola in den «Rougon-Macquarts». Ibsens naturalistische Darstellung ist wohl von Zola berührt worden, aber er hat eine ganz neue Wendung gefunden, die tiefe Wirkungen heraufführt. Zola schilderte ein Geschlecht, das sich in seinen einzelnen Mitgliedern zumeist in absteigender Linie bewegte, vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter, und ließ diese Entwickelung mit strenger Folgerichtigkeit von Generation zu Generation sich vollziehen; auf dieser Entwickelung selbst mehr als auf den einzelnen Personen und ihrem Verhältniß zu einander ruht das Interesse des Erzählers, sie bildet den gewaltigen Grundgedanken, von dem er ausging. Bei Ibsen dagegen liegt der Nachdruck auf den Personen: der Mutter und dem Sohne; und die Tragik seines Stoffes liegt darin, daß die Mutter, während all ihr Denken darauf ging, den Sohn vor dem geistigen Erbe eines lasterhaften Vaters zu schützen, es erleben muß, wie ihr Kind an einem körperlichen Erbe vom Vater her unrettbar dahinstirbt.

Schon in «Nora» hatte der Dichter jenen Doktor Rank geschildert, dessen «armes unschuldiges Rückgrat für seines Vaters lustige Lieutenantstage büßen muß»; jetzt nimmt er das finstere Thema von den Kindern, an denen die Sünden der Väter heimgesucht werden, von Neuem auf. Kammerherr Alving, als er ein Weib nahm, war ein gebrochener Mann; und so hat sein Sohn Oswald von der Geburt an eine «wurmstichige Stelle», die ihn in blühendem Alter müde und siech macht und zuletzt ihn in Wahnsinn enden läßt. Wie der Dichter diese furchtbaren Vorgänge künstlerisch gestaltet hat, das wird selbst Derjenige bewundernd anerkennen müssen, der aus stofflichen Bedenken sich zu dem Werke ablehnend verhalten möchte. Obgleich das Entscheidendste in der Vergangenheit liegt und uns nur durch Erzählung nahe gebracht wird, hat er doch ein Drama voll starker Bühnenwirkungen geschaffen.

Das ist zunächst erreicht durch eine äußerste Concentration der Handlung. In einer einfachen, knappen Sprache, die kein Wort zu viel gibt, spielt sich das Stück ab, an einem einzigen Tage, zwischen nicht mehr als fünf Personen: der Wittwe Alving, Oswald, dem Sohne, Manders, dem Pastor und Hausfreund, der jungen Regine und ihrem Pflegevater Engstrand. Vor wenigen Tagen erst ist Oswald von Rom und Paris zurückgekommen, nach vieljähriger Abwesenheit; denn die Mutter hat ihn, noch als Knaben, in die Fremde geschickt, weit weg aus der Atmosphäre des Vaters. Aber sie hat ihn in Unwissenheit gehalten über die Natur des Kammerherrn: und wie Oswald, weiß auch die Welt nicht, daß der Verstorbene ein durch Ausschweifungen zerrütteter Schlemmer gewesen ist. Mit äußerster Willensanstrengung hat die Gattin für den Leichtsinnigen geschafft und gewirkt: und während er in seinem alten Wandel verharrte und keine anderen Gedanken, als an nichtige Zerstreuungen, kannte, pries man ihn als den Wohlthäter der Gegend. Auch nach seinem Tode hat die Wittwe das Märchen aufrecht erhalten; Regine, die Tochter Alvings und einer Magd, hat sie, um das Geheimniß zu wahren, ins Haus genommen; und wie zur Krönung des Gebäudes stiftet sie «Kammerherr Alvings Asyl», ein Heim für arme Kinder, dem Verstorbenen zum Andenken, nach dessen letztem Willen, in der Meinung der Leute, es aufgeführt worden ist. «Zu Hauptmann Alvings ewigem Gedächtniß» beginnt die Stiftungsurkunde; aber einen andern Sinn als für die Welt hat dieses Asyl, dessen Bau grade am Tage der Handlung vollendet ist, für die Wittwe. Das ganze Vermögen Alvings hat sie hineingesteckt, weil ihr Sohn alles von ihr, nichts von dem Vater empfangen soll; und indem also die Vollendung des Asyls den Schlußstein legt zu dem Lügenmärchen vom wohlthätigen Kammerherrn, legt sie zugleich den Schlußstein zu dem Erziehungsbau der Mutter: von nun an, ruft sie, wird es für mich sein, als hätte der Verstorbene niemals in diesem Hause gelebt. Hier soll kein anderer sein als mein Sohn und seine Mutter.» Diese ganze aus der Vergangenheit in die gegenwärtige Handlung hineinragende Verwicklung hat der Dichter mit dem glänzendsten dramatischen Können vor uns sich abzeichnen lassen; er gibt nicht einen bloßen Bericht, wie ein mehr episches Talent gethan hätte, sondern weiß die Erzählung in Geschehen umzuwandeln und in den Gang des Stückes unlösbar zu verflechten: und wie Justus Manders zuerst der Wittwe ihre Sünden aufzählt, und sie eine schuldbeladene Gattin und Mutter heißt, wie dann die Angeklagte, die lange ruhig zugehört hat, sich erhebt und mit der einfachen Beredsamkeit der Wahrheit alles ausspricht, was sie so viele Jahre zurückgehalten hat in heroischer Pflichterfüllung das gehört zu den bedeutendsten Szenen, die Ibsen geschaffen hat.

Und kaum hat die treue Mutter ihr trauriges Bekenntniß geschlossen mit hoffendem Ausblick in die Zukunft, da trifft sie eine neue Enttäuschung, die schwerste von allen. Nach so langen Leiden glaubt sie am Ziele zu sein, sie glaubt, daß Oswald ihr Sohn, einzig der Ihre ist und sie findet ihn, den unglücklichsten Erben des Vaters. Die Tragik des Stückes, wir sagten es schon, fußt in dieser furchtbaren Wendung.

Dem Verlauf des Dramas im Einzelnen folgen wir aber nun nicht weiter. Sein Bau ist, bei aller Einfachheit im Ganzen, so komplizirt in den Theilen, daß nur eine Analyse, welche die feinsten Räder und Räderchen des Triebwerkes aufdeckte, ein zutreffendes Bild gewähren könnte. Wer sich hingebend versenken mag in die innere Fügung einer Dichtung, findet hier allerdings erst bei genauem Zusehen eine Fülle der kunstreichsten Verknüpfungen und Kombinationen und beobachtet, wie Glied an Glied sicher eingreift. Nichts ist bedeutungslos in diesem scheinbar so leichten und bis zur Farblosigkeit natürlichen Dialog; und aus der Welt des Alltags und der Realität steigen wir zu großen symbolischen Anschauungen empor. Ueber den geschehenden Dingen macht sich die soziale Polemik, die Tendenz geltend.

Tendenz im guten und im üblen Sinne. Sie entwickelt sich natürlich und mit tiefer Wirkung aus der Sache selbst, aus der Seele des Stückes heraus in dem Motiv des Asylbrandes: jenes Heim für die Kinder, am Tage vor der Einweihung, wird den Flammen zum Raube, das Lügengebäude stürzt zusammen; und mit ihm diese ganze kleine Welt, in die wir geführt worden sind. «Alles wird verbrennen», ruft Oswald, «nichts bleibt übrig, das an den Vater erinnert. Ich gehe ja auch umher und verbrenne.» Alles wird verbrennen denn alles ist werth, zu verbrennen. Mit nimmer ermüdender Beredtsamkeit schildert der Dichter die engen, dürftigen, trüben Nester an diesen norwegischen Fjorden, wo der Regen jeglichen Tag regnet, und ein Nebel auf Land und Leuten liegt, engherzige, kleinliche Vorurtheile, die den Freien drücken und den Guten zum unschuldigen Helfershelfer des schurkischen Eigennutzes machen. Muß nicht auch der Beste lügen und betrügen in diesem engen Kreise? Eine Frau Alving selbst baut ihr ganzes Leben auf Unwahrheit und Heimlichkeit und wenn sie auch sich zur Freiheit emporarbeiten will, zur Wahrheit und offenem Bekenntniß überall scheitert sie und wird von Neuem in die Lüge zurückgeschleudert, im Namen des Herkommens und der guten Sitte.

Ordnung und Gesetz manchmal glaubt sie beinahe, die arme Wittwe, daß diese beiden allein alles Unglück hier auf Erden stiften; daß, wie Oswald und Regine gleich Gespenster in ihrem Hause umgehen, sie alle miteinander wandelnde Gespenster sind: «Es ist nicht allein das, was wir von Vater und Mutter geerbt haben», ruft sie. «Es sind allerhand alte todte Ansichten und aller mögliche alte Glauben und dergleichen. Es lebt nicht in uns, aber es steckt in uns und wir können es nicht los werden. Wenn ich nun eine Zeitung in die Hand nehme, um daraus zu lesen, so ist mirs schon, als sähe ich die Gespenster zwischen den Zeilen umherschleichen. Im ganzen Lande müssen Gespenster leben. Mir ists, als müßten sie so dicht sein, wie der Sand am Meer. Und dann sind wir alle miteinander ja so gottesjämmerlich lichtscheu.»

Wenn ein Dichter die Dinge so schwarz sieht, wie es Ibsen hier thut, so pflegt man ihn einen Pessimisten zu nennen. Es muß aber gesagt werden, daß auf unseren Autor das Wort doch nur bedingte Anwendung findet. Pessimist im philosophischen Sinne ist Ibsen keineswegs, er meint nicht, daß die Welt an sich unabwendbar schlecht sei: nur seine norwegische Welt ist ihm eine schlechte, aber er glaubt heilig und fest daran, daß sie eine gute werden könne und werden müsse. Im Gegensatz zu dem trüben Nebel der Heimath sieht Oswald draußen in der Fremde Sonnenschein und Lebenslust: da meint Niemand, daß das Leben ein Jammerthal sei, da empfindet man das bloße Dasein als etwas jubelnd Glückseliges. Indem Ibsen seinen Oswald mit tendenziöser Absichtlichkeit der Mutter dieses Bild von der Fremde geben läßt, glaubt die Mutter jetzt zum ersten Male den wahren Zusammenhang der Dinge zu sehen: und sie ist nun überzeugt, und der Dichter will uns durch ihren Mund überzeugen, daß Alving zu Grunde ging nicht in Folge seiner eigenen Schwäche, sondern in Folge der «Verhältnisse», die seine Lebensfreudigkeit dämpften, seine gesunden Triebe in Unsittlichkeit ausarten ließen.

Mit dieser grell tendenziösen Wendung, die in beliebter Art alles der «Gesellschaft» aufbürdet, anstatt das Individuum den Thäter seiner Thaten sein zu lassen, können wir uns freilich nicht befreunden; sie ist unkünstlerisch und sophistisch; aber es bleibt bestehen, daß das Werk in der kühnen Größe des Wurfs, in der Lebendigkeit seiner Charaktere und der Kunst seines Baues über die meisten neueren entscheidend hinauswächst. Wird kein deutsches Theater den Muth finden, es auf die Scene zu stellen?

Otto Brahm.


*) Gespenster. Ein Familiendrama in drei Aufzügen. Von H. Ibsen. Aus dem Norwegischen von M. von Borch. In Reclams Universalbibliothek. Nr. 1828.

Publisert 20. mars 2018 17:01 - Sist endret 18. apr. 2018 14:52