Signaturen «r K.»

Gespenster ved Stadttheater Basel anmeldt av signaturen «r K.» i Allgemeine Schweizer Zeitung i Basel 12. november 1887 (Nr. 268 og 269, morgen- og aftenutgaven).

(Nr. 268)

Basler Stadttheater.

«Gespenster» von Ibsen.

Nach dem Vorgang der ungemein rührigen Direction Vaupel in Bern, die durch eine nach allgemeinem Urtheile ausgezeichnete Darstellung die Priorität der ersten öffentlichen Aufführung von Ibsens Sensationsdrama gewann, ist auch auf unserer Bühne nun bereits zweimal das Stück erschienen, das man bis dahin, zuerst unter Grosse in Augsburg, nur vor geladenem Publicum zu geben für angemessen befunden hatte. Seine crassen sittlichen und socialen Tendenzen hatten solche Beschränkung der Oeffentlichkeit, in Berlin das Verbot weiterer Aufführungen nothwendig erscheinen lassen. Die ersten öffentlichen Darstellungen gewinnen unter solchen Umständen unwillkürlich den Character einer Appellation von der ersten Instanz eines literarisch-künstlerischen Elitepublicums an die höhere der öffentlichen Meinung. Nun, das Urtheil der zweiten Instanz ist, hier in Basel wenigstens, nicht sonderlich günstig für den Dichter und sein Werk ausgefallen. Nicht als ob gegen den Applaus, der sich nach jedem der drei Acte erhob, irgend eine Opposition laut geworden wäre. Aber schlimmer als das: bis es zum Schluß unter dem Eindruck der widerlich grausigen Katastrophe sichtlich dem Gefühl des Schauders und des Ekels erlag, nahm das Publicum, zum großen Theil wenigstens, den Dichter nicht ernst. Es lachte wiederholentlich, wo er durch den rücksichtslosen Realismus seiner Zeichnung zu schrecken und zu warnen wünschte, ja es lachte, wie es über Picanterien und Lascivitäten zu lachen pflegt, über die craß-tendenziösen ethischen und socialen Thesen, mit denen der Reformeifer gegen die bestehenden Verhältnisse donnert.

Die Darstellung trug kaum namhafte Schuld daran. Einige immerhin. Die Aufgabe, die hier den Schauspielern gestellt wird, ist eine so ungewöhnliche, daß gelegentliches Fehlgreifen das warme Lob nicht verkümmern kann, das ihnen gebührt. Wie des Stückes Tendenz den Kampf gegen die conventionelle Lüge in der Gesellschaft predigt, so bricht sein Stil mit dem Conventionalismus der Bühnensprache und -Darstellung. Das feste, knappe Gefüge der Sätze, die dem Gedanken concisen, aber nüchternen und schmucklosen Ausdruck geben, verlangt nicht nur ungewöhnliche Sicherheit im Dialog, sondern weist auch in gleicher Weise wie die realistische Zeichnung der Personen und Verhältnisse jede Theatermanier von sich. Nichts aber ist bekanntlich für den Schauspieler schwerer, als einfach und natürlich zu sein. Allein Hrn. Wendt, der überdies den Character des Oswald sorgsam angelegt hatte und das wechselvolle, gegen den Schluß sich überstürzende Tempo der Entwicklung feinfühlig behandelte, gelang das in jedem Augenblicke. Frl. Hausen dagegen kämpfte sichtlich und rühmlich, aber mit dem verhältnißmäßig geringsten Erfolge gegen die Schablone in Diction und Geste und die kleinen Hilfsmittel unausgegohrener Theaterroutine, sie blieb der allerdings ungewöhnlich schwierigen Rolle in der äußern Darstellung fast eben so viel schuldig wie im Ausdruck des bedeutenden geistigen und seelischen Gehaltes. Und weit mehr noch als Frl. Hausens spröde Individualität sich gegen die Rolle der Frau v. Alving, sträubte sich Frl. Wienrichs Eigenart gegen die Verkörperung des Regine. Es gilt, ein dralles, halbwüchsiges Mädel von frech überquellender Lebenslust uns vor Augen zu führen, und das sollte Frl. Wienrich Niemand zumuthen. Die Figur wirkt ausschließlich durch die Erscheinung, durch den Contrast, und selbst eine mittelmäßige Darstellerin, welche die äußere Illusion zu erwecken vermag, wäre hier besser am Platze gewesen, freilich in unserm, wie es scheint, nur für ein Duospiel mit obligater Staffage zusammengesetztes Personal kann man nicht lange Auswahl treffen. Aber die Mitschuld an dem Umschlag der Stimmung trifft gleichwohl weit weniger die Genannten als die Darsteller des Pastor Manders und des Tischlers Engstrand. Hrn. LHames Darstellung des erstern verdiente fast während des ganzen ersten Actes uneingeschränktes Lob, vom zweiten Act an aber verfiel er immer mehr in einen pathetisch pastoralen Ton und in Theaterallüren, die ihn dem Publicum bald als einen jener Geistlichen erscheinen ließen, über die es auf der Bühne nach alter, süßer Gewohnheit nun einmal zu lachen pflegt. Und ebenso gerieth Hr. Heltzig aus der nicht unzulässigen Auffassung heraus, die während des ersten Actes noch einheitlich und wirksam in die Erscheinung trat, in der großen Scene des zweiten Actes in einen so outrirt Demuth winselnden Ton, bei der Sonntagsvorstellung gar so völlig in die lallende Sprache des schnapsenden Pietisten der englischen Romane, daß die Heiterkeit nicht ausbleiben konnte. Ich meine, wenn Jacob Engstrand mit frecher Heuchelei den über die Maßen ahnungslosen Pastor in seine Netze zieht, dann sollte es dem Zuschauer eiskalt über den Rücken laufen! Aber trotz diesen Mängeln im Einzelnen wird Niemand bestreiten können, daß die Darstellung im Allgemeinen durch eine Präcision im Zusammenspiel, durch sorgfältige Behandlung des Dialogs, vor Allem aber durch feinfühlige Wahrung des gedämpften Grundtons schwüler Beklommenheit, d. h. durch Vorzüge wahrhaft überraschte, die wir auf unserer Bühne nicht eben gewohnt sind, die sich aber, wie man sieht, bei rechter Lust und rechtem Fleiß sehr wohl erzielen lassen und in Zukunft hoffentlich auch dann erstrebt werden, wenn es sich nicht gerade wie hier um ein Paradestück der Regie handelt.

Nein, der Grund für die Haltung des Publicums liegt in dem Stücke selbst. Wir sind für diese naturalistisch-pessimistische Tendenzpoesie noch nicht reif, und alle Kunst des Meisters der dramatischen Technik, so beredt sie hier spricht, wird uns nicht überreden, seine Schreckbilder des Lebens, die nur martern, für Kunstgebilde zu nehmen, bei denen wir Erleuchtung und Erhebung zu suchen gewöhnt sind; die photographische Treue in der Wiedergabe des Aeußerlichen wird die innere Unwahrheit und Ungeheuerlichkeit der Personen und Verhältnisse, die Maßlosigkeit des Zerstörungseifers und die beschämende Dürftigkeit des positiven Gewinns nicht verdecken. Wie? «Unwahrheit und Ungeheuerlichkeit» und alle Welt spricht von der verblüffenden, packenden Wahrheit der Zeichnung? «Maßlosigkeit und Dürftigkeit» und man preist das Stück als das Drama der Zukunft? Mögen sie preisen. Ich kanns nicht finden. Und ich glaube auch an ihre Prophezeiungen nicht.

Wo ist denn diese vielgepriesene Wahrheit? Wo zunächst ist sie in der Characterzeichnung? Mit einem Wüstling in zwanzigjähriger Ehe vermählt, hat Helene v. Alving in heroischer, selbstmörderischer Pflichterfüllung ein Netz frommer Lügen gesponnen, um noch über das Grab hinaus den Wandel des Verruchten und den Jammer ihrer Ehe zu verbergen. Ihren heranwachsenden Knaben hat sie aus dem Hause gegeben, um ihn der verpesteten Luft desselben zu entziehen und in ihm die Ehrfurcht vor seinem Vater zu erhalten, die sie durch liebevolle Briefe zu nähren gesucht. Um den Wüstling an das Haus zu fesseln, hat sie sich mit innerm Grauen zur Genossin seiner wüsten Nächte gemacht; um sein Ansehen nach außen zu kräftigen, in heißer, rastloser Arbeit seinen Besitz vergrößert, sein Vermögen vermehrt. Der fromme Betrug ist ihr gelungen. Die Welt betrauert in dem Kammerherrn, da er stirbt, einen Ehrenmann und Wohlthäter. Wer wollte den Heroismus dieser Frau nicht rückhaltlos bewundern? Aber wer glaubt es derselben Frau, daß sie, die zärtlich liebende Mutter, in den langen Jahren ihrer Ehe, daß sie selbst in den zehn Jahren nach ihres Gatten Tod nicht die Gelegenheit gesucht und gefunden habe, wenigstens das Herz ihres Sohnes kennen zu lernen, von dem sie jetzt erfahren muß, daß all ihr Bemühen für das Andenken des Vaters vergeblich gewesen, daß für den guten Jungen Elternliebe ein längst überwundener Kinderglaube ist, daß sein Vater ihm ganz gleichgiltig, da er ihn ja kaum gekannt habe, die Mutter freilich weniger gleichgiltig, da sie ihm Gutes erwiesen habe und auch in Zukunft noch nützlich sein könne? Wer traut der nüchternen, practischen Frau Sentimentalitäten zu, wie den Bau des Asyls zu des Gatten Andenken, um den doppelten Zweck zu erreichen, dem Verstorbenen ein Ehrendenkmal zu errichten, an dem etwaige Zweifel der öffentlichen Meinung nach ihrer Ansicht zerschellen müssen, und den Sohn von dem Erbe seines Vaters zu befreien, was er einst besitzen wird, soll er ihr und ihrer Arbeit verdanken? Wer glaubt es dem Dichter, daß dieses erprobte Wirthschaftstalent sich durch die kleinlichen, ängstlichen Einwände des Pastors abhalten lassen wird, das Asyl zu versichern, damit für die dürftige Handlung des Stückes ein neues Motiv erwächst? Daß sie, die den spitzbübischen Heuchler Engstrand völlig durchschaut, es gelassen mit ansieht, wie er den ahnungslosen Pastor in seine unsaubern Netze lockt? Nun, wo ist hier die psychologische Wahrheit? Und ähnlich wäre das Resultat einer kritischen Untersuchung bei den übrigen Figuren bis zu Oswald herab, den sein Gehirnleiden allerdings von vornherein zum Untersuchungsobject nur für den Pathologen macht. Das eine Beispiel mag genügen. Der äußerliche realistische Tic blendet das Auge.

(Schluß folgt.)

 


 

(Nr. 269)

Basler Stadttheater.

«Gespenster» von Ibsen.

(Schluß.)

Und nicht besser steht es mit der Wahrheit der geschilderten Verhältnisse. Wie weit das Krankheitsbild, über dessen Richtigkeit mir Aerzte sehr gewichtige Zweifel geäußert haben, nach Aetiologie und Verlauf sich mit den Erfahrungen der Wissenschaft deckt, die Frage kann natürlich an dieser Stelle und von einem Theaterkritiker nicht entschieden, soll aber doch angedeutet werden. Allein auch gegen Ibsens Schilderung norwegischer Zustände, gegen welche das Pariser Künstlerleben (!) und die durch die größere Billigkeit (!) vertheidigte «wilde Ehe» als Ideal angerufen werden, haben sich ernste Proteste von autoritativer Seite aus des Dichters Heimath erhoben. Die Schilderung ist fraglos übertrieben. Es grollt in ihr des Poeten Unmuth und Ingrimm über herrschende Parteien und Zustände, die ihn aus dem Vaterlande vertrieben, es gellt aus ihnen ein Ton der Gereiztheit, der Verbitterung, der in der politischen Debatte ja leider längst zur Gewohnheit geworden ist, aus einem Kunstwerk aber gar seltsam erklingt. Der pessimistische Zug in Ibsen deß sind all seine social-reformerischen Dramen Zeuge stammt nur zum geringsten Theil aus der Erkenntniß des Weltlebens; nicht das Dasein, Norwegen heißt seine Krankheit.

Aber, wird man einwenden, dem Dichter, der in kurzer Zeitspanne und auf beschränktem Raume ein bedeutendes Stück Menschenleben sich abspielen lässt, stehen in der Behandlung von Personen und Verhältnissen gewisse Freiheiten zu; nicht die nackte, in jedem Puncte controlirbare Wirklichkeit wiederzugeben, ist seine Aufgabe, es genügt, wenn das, was er schildert, der Wahrscheinlichkeit entspricht, wenn es unter gegebenen Voraussetzungen sein könnte. Gewiß. Allein ganz abgesehen davon, daß mit dem Gebrauch dieser Freiheit die Dichter dieser naturalistischen oder, wie sie sich neuerdings nennen, rein realistischen Richtung auf den Ruhm verzichten, auf den sie sich gerade am meisten zu gut thun, den Ruhm der exacten Treue, der «unerbittlichen Wahrheit», so bietet auch das Wahrscheinliche an sich noch kein Object für die poetische Behandlung, so lange es nicht Allgemeingiltigkeit besitzt. Nicht was einmal war oder einmal sein könnte, ist Gegenstand der Poesie, sondern was nach allgemeinen unabänderlichen Gesetzen an jedem Orte und zu jeder Stunde unter gegebenen Voraussetzungen geschieht und geschehen muß. Mögen in Norwegen oder meinetwegen in Kamtschatka Menschen und Verhältnisse, wie Ibsen sie hier schildert, wirklich existiren oder doch wenigstens möglich sein, in der Kunst stellen sie, so lange sie nicht typische Bedeutung besitzen, nur Curiositäten dar. Und in der That, pathologische Curiositäten und Monstrositäten zu züchten, sociale und psychologische Probleme geistreich zu construiren, das ist ja es ist an dieser Stelle oft genug darauf hingewiesen worden das fruchtlose Dichten und Trachten der modernen Poeten, zumal der modernen Dramatiker aller Literaturen. Es bedarf der von Ibsen beliebten Beimischung des physischen Ekels nicht, wie ihn Laien aus der Lectüre gewisser medicinischer Bücher zu schöpfen pflegen, um die Behandlung solcher Probleme von der Bühne in den Roman oder am besten in die wissenschaftliche Abhandlung zu verweisen. Sie widerstrebt den Grundbegriffen der Tragödie, setzt das Traurige an die Stelle des Tragischen und glaubt tragische Erhebung zu erzielen, wenn sie, um uns zu «ergreifen», unser Mitleid erbettelt, unsren Abscheu aufpeitscht.

«Das aber,» ruft man uns zu, «ist es ja gerade, was Ibsen will. Ja wohl aufpeitschen will er, indem er euch schonungslos die Folgen der Lüge zeigt, euren Abscheu gegen die allgewaltige Lüge, auf der unsre ganzen erbärmlichen sittlichen und socialen Zustände ruhen. An eure Brust sollt ihr schlagen und mit ihm die Sehnsucht empfinden nach der Wahrheit, der unverfälschten Wahrheit. Ich frage nur, hat er selbst bekannt, antworten ist mein Amt nicht. Seine Dichterarbeit ist das Niederreißen, das Aufbauen werden Andere nach ihm besorgen. Aber es weht ein freier Luftstrom, der erfrischend die Lungen füllt, über die Trümmer und verscheucht die vergiftete Atmosphäre, die einst dort den Athem erstickte». Ein befreiender Luftstrom, wer hat ihn gespürt? Nur kalter Schauer packt das Herz, wenn wir sehen, wie schuldlos oder doch unerhört grausam für kleine Unterlassung leidend die armen Opfer dumpf zusammenbrechen, verschüttet von dem Gemäuer, an das sie sich stützten. «Das Aufbauen werden Andere nach ihm besorgen». Recht schön. Aber der Dichter, der mit so bitterm Ernst predigt, daß «Alles, was entsteht, werth sei, daß es zu Grunde geht», muß doch wenigstens eine Vorstellung von dem haben, was nach diesem Vernichtungswerk neu entstehen soll. Er kann der Frage nicht entgehen: «Was kannst du armer Teufel geben?» Nun, die Antwort, die sein Werk ertheilt, ist wahrhaft kläglich. Ich bin weit davon entfernt, die Tendenzen alle, die in demselben laut werden, dem Dichter ins Gewissen zu schreiben. Wenn Frau v. Alving z. B., weil Schuld und Schicksal innerhalb der gesetzlichen Ordnung, wie sie durch Ehe, Hauswesen, bürgerliche Pflicht bedingt ist, ihr entstand, in einem, ich gestehe zu, echt tragischen Zuviel Alles über den Haufen wirft, was Gesetz und Ordnung zusammengefügt, wenn sie sich in einem Augenblicke dem sündhaften Gedanken hingibt, daß selbst Geschwister, wenn sie sich lieben, einander angehören dürfen, so hat man kein Recht, in solchem Nihilismus des Dichters subjective Anschauungen zu sehen. Der Dramatiker objectivirt. Bedenklich genug bleiben trotzdem immerhin solche Sätze, wenn sie sich unwidersprochen auf der Bühne Gehör verschaffen. Des Dichters eigenste Ansicht und Absicht weht in dem Ganzen. Was aber ist es denn nun eigentlich, was er will? Habe ich seine Dichtung recht verstanden, dann lässt sich sein sociales Glaubensbekenntniß in zwei Sätze vornehmlich formuliren: 1) Man heirathe nicht nach Geld, sondern nach Neigung; 2) Hat man dennoch das erstere gethan und wird seines Irrthums gewahr, ja wohl gewahr, sich an einen Träger äußerster Libertinage gekettet zu haben, so mache man den Fehler sofort wieder gut und wende sich dem Gegenstand seiner Liebe zu. Bleiben diese Forderungen unerfüllt, dann ist das Resultat eine hingeschleppte, jedem Glück und jeder Sittlichkeit hohnsprechende Ehe, aus der im Laufe der Jahre nichts als Lüge, Degout und Cretinschaft der Kinder, nichts als physisches und geistiges Elend entsteht.

Der eine Satz ist so falsch wie der andere. So lange die Welt steht, ist nach den «Verhältnissen» und immer nur ausnahmsweise nach Liebe geheirathet worden, der Nachweis aber, daß die Kinder solcher «Verstandesehen» an Kraft und Gesundheit zurückstehen, wird sich schwerlich erbringen lassen. Man schaue, um historische Daten nicht erst zu citiren, doch einmal in die Bauernhäuser und auf die Fürstenthrone! O nein, auch in Zukunft werden durchschnittlich die Mädchen nicht den Studio oder den Lieutenant ihrer ersten Liebe, sondern sehr wahrscheinlich denjenigen unromantischen Ehrenmann heirathen, auf den sich die Neigung der Eltern und das schließliche Ja ihres Gewissens vereinigen. Und sie werden sich nicht schlecht dabei stehen. Sollte dieser Ehrenmann aber, und damit wenden wir uns zur zweiten These, ein completer Schuft sein, so werden sie nach wie vor wissen, was sie zu thun haben. Für den schlimmsten Fall besitzen wir ja ein Ehescheidungsgesetz. Und selbst wo dieses nicht besteht oder versagt, ist die Sache so schlimm nicht, als Ibsen uns glauben machen will. Denn trotz allem Sünden-Elend, das uns durch die Jahrhunderte hin begleitet und sich selbstverständlich auch in unserm intimsten Leben in hundertgestaltiger Häßlichkeit bethätigt hat, trotz all diesem Elend, trotz entnervten Männern und entarteten Frauen, trotz Schein, Comödie, Lüge ist die Welt nicht rückwärts, sondern vorwärts gekommen. Gerade jetzt wieder geht ein frischer Zug durch dieselbe, und ein moderner Mensch sein, heißt, ein Mensch sein voll Spannkraft und Nerv. «Langsamer Schritt» und «Gewehrgumpen» sind unfehlbare Bannmittel gegen solche «Gespenster». Es ist nicht wohl gethan, den Blick gegen unsere Schwächen und Gebrechen verschließen zu wollen, thörichter aber noch ist es, all das, was uns von Schuld und Sühne durchs Leben hin begleitet, unter ein vergrößerndes Zerrglas zu halten. All das, womit wir in diesen «Gespenstern» geängstigt und zum Wechsel unserer sittlichen Anschauungen gedrängt werden sollen, ist uralten Datums. Sardanapale, kleine und große, historische und private, sind, durch alle Jahrhunderte hin, auf Thron und Lotterbett auf einander gefolgt, ohne daß es die Menschheit sonderlich geschädigt hätte, sie hat es überdauert und wird es weiter überdauern. Alles ruht in einer ewigen, immer neue Lebensströme spendenden Erhaltungshand, der es ein Leichtes ist, die Sünden eines norwegischen Kammerherrn und noch vieler anderer Kammerherren aus ihrer Kraft- und Gnadenfülle wieder wett zu machen. Das alles ist nur der schwarze Fleck am Apfel, der in der Weltenwage nicht ins Gewicht fällt. Unsere Zustände sind ein historisch Gewordenes, das wir als solches zu respectiren haben. Man modle sie, wo sie der Modlung bedürfen, aber man stelle sie nicht auf den Kopf. Die größte aller Revolutionen würde es sein, wenn die Welt, wie Ibsen es predigt, übereinkäme, an Stelle der alten, nur scheinbar prosaischen Ordnungsmächte die freie Herzensbestimmung zu setzen. Das wäre der Anfang vom Ende. Denn so groß und stark das menschliche Herz ist, eins ist noch größer: seine Gebrechlichkeit und seine wetterwendische Schwäche.

r K.
Publisert 21. mars 2018 11:25 - Sist endret 16. apr. 2018 11:22