Arthur Gadebusch

Kejser og Galilæer på Leipziger Stadttheater anmeldt av Arthur Gadebusch i Leipziger Neueste Nachrichten 7. og 9. desember 1896.
(7. desember 1896)

Theater.

Kaiser und Galiläer.   Welthistorisches Schauspiel von Henrik Ibsen.   Für die Bühne eingerichtet von Leopold Adler.

[Erstaufführung.]

«Dort fiel ein Stern!» ... Wie er so hinausschaut in die feierliche Osternacht und dem blitzschnellen Sinken des leuchtenden Meteors folgt und dann bei der Abfahrt des Schiffes, das seinen Freund Agathon von dannen führt, zurückdenkt an die heilige Mission, die ihn erfüllt, da steigen Zweifel in seiner Seele auf. Was träumte seiner Mutter in der Nacht vor seiner Geburt? Daß sie den Achilles gebären würde! Und was sprach der Mann, der Agathon im Traume erschien? «Suche ihn, der das Reich erben soll; heiße ihn in die Höhle hineinziehen und mit den Löwen zu kämpfen!» Mit welchen Löwen? War nicht Libanius, der heidnische Weisheitslehrer, der ihn eben erst mit gewandter Rede versuchen wollte, gewaltig wie der Löwe des Berges?

Da denkt er an die Scenen, die sich vorhin vor ihm abspielten. Was war das Christenthum, was der Glaube der Galiläer, wenn er Unduldsamkeit, Betrug, Lüge, Falschheit im Gefolge hatte? War nicht eben erst sein eigener frommer Lehrer Hekebolius als Intrigant entlarvt? Durfte nicht dem Gotte der Galiläer der blutdürstige Kaiser dienen, der unfriedliche, finstere, schuldbeladene Konstantius? Befehdeten sie sich nicht selbst, diese Galiläer, übten sie nicht Greuel über Greuel? Wo war der Löwe, den er bekämpfen sollte als neuer Achilles? Und was kündete das neue Zeichen, der fallende Stern? ...

Gleichsam als Vorbedeutung, läßt der Verfasser den ersten Act seines großen Dramas mit Julians schon citirten Worten enden: «Dort fiel ein Stern!» Nicht der Stern der Galiläer. Julians Stern! Denn des großen Abtrünnigen Stern erlosch, als er mitten auf dem Wege war, das dritte Reich zu errichten, das Reich, das nach des Mystikers Maximus Worten das große Reich des Geheimnisses ist, das Reich, das auf den Baum der Erkenntniß und auf den Namen des Kreuzes zusammen gegründet werden soll, weil es beide haßt und liebt und weil es seine Lebensquellen im Haine Adams und auf Golgatha hat, kurz das Reich, das auf Heidenthum und Christenthum gemeinsam aufgebaut werden soll.

Doch der fallende Stern ist nach dem Gesammtinhalte der großen Faustdichtung Ibsens nur eine Vorbedeutung für Kaisers Julians erfolglosen Kampf, für sein Ende, nicht für die Idee des dritten Reiches, denn so sagt Maximus am Ende der Dichtung «das dritte Reich wird kommen! Der Menschengeist wird sein Erbe wiederfordern!» Julian war nur das untaugliche Werkzeug, alle Zeichen betrogen den Mystiker, alle Wahrzeichen sprachen mit zwei Zungen.

So ist denn Ibsens Dichtung in Wirklichkeit eines jener bedeutungsvollen Werke, die im ehrlichen Kampfe um die ewige Wahrheit geschrieben sind. Ibsen hatte es in den sechziger Jahren in seiner eigenen Heimath, und zwar an seiner eigenen Person erfahren müssen, daß das höchste Gebot der christlichen Lehre: «Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!» noch heute nicht erfüllt werde, daß von wahrer christlicher Duldung selbst in unserer modernen Zeit nur wenig zu verspüren sei, und das führte ihn legen wir ihm den Grundgedanken seiner eigenen Dichtung unter zu der Ueberzeugung, daß die Forderungen der christlichen Lehre so strenge seien, daß sie niemals könnten eingehalten werden. Die völlige Entsagung von Allem, was die Kirche als Genüsse des Fleisches bezeichnet, erschien ihm als ein Gebot, das von Menschen nicht erfüllt werden könne, und so entstand in ihm die Philosophie des Mystikers Maximus, der neben Kaiser Julian die hervorragendste Persönlichkeit des Dichtwerkes «Kaiser und Galiläer» ist. Ein drittes Reich soll aufgerichtet werden, ein Reich, das die heidnische Lebensfreiheit verbindet mit der Religion der Liebe, eine neue Religion, die den Cultus des Schönen und die Ausgelassenheit menschlicher Freuden in gleicher Weise duldet, wie sie von den Menschen die Duldung der Schwächen ihrer Nächsten verlangt.

Da dieses dritte Reich erst kommen soll, so fehlt auch noch der Held, der es begründet. Wohl aber bot sich dem Dichter in einer Persönlichkeit der vergangenen Zeit, in Kaiser Julian, dem abtrünnigen Christen ein Held, der nach seiner poetischen Auffassung dasselbe gewollt hatte, wenn er auch nicht groß und stark genug war, es auszuführen. An ihm, an seinen Thaten und an seinen Absichten ließ sich die neue Lehre hinreichend schildern.

Mit welcher Liebe sich nun Ibsen seiner poetischen Mission hingab, wie umfassend er sich über die neue Idee verbreitete, mag daraus ersehen werden, daß er derselben zwei große, je fünfactige Dramen «Cäsars Abfall» und «Kaiser Julian» widmete, die er unter dem Titel «Kaiser und Galiläer» zusammenfaßte. Noch nie hat sich ein Theater gefunden, welches sich an die Aufführung des zehnactigen Werkes, die über 12 Stunden erfordern würde, herangewagt hätte. Man befürchtete wohl, daß bei einer Aufführung des Werkes an zwei Abenden das Interesse für die Dichtung im großen Publicum erlahmen werde. Und so halten denn auch wir den Ausweg, den der Oberregisseur unseres Schauspiels, Herr Leopold Adler, fand, als er das Dobbeldrama in fünf Acte und ein Vorspiel, sagen wir in sechs Acten zusammenschweißte, für den einzigen möglichen Weg, um das große Publicum für das Werk zu interessiren, es dazu anzuregen, über den poetischen Gedunken des dritten Reiches nachzudenken und so zum Studium des gesammten Werkes zu veranlassen.

Es ist nun ganz selbstverständlich, daß man in einer vierstündigen Vorstellung so lange dauerte die Erstaufführung am Sonnabend nicht bieten kann, was der Dichter in einer zwölfstündigen bieten würde, und ebenso ist es selbstverständlich, daß die Zusammenziehung des Werkes auf einen einzigen Theaterabend mehrere Möglichkeiten freiläßt. Mit dem Bearbeiter in Einzelheiten zu rechten, halten wir nicht für am Platze, uns genügt es, daß das Wesentlichste herausgegriffen und geschickt zusammengestellt war. Mit der schwierigen Arbeit hat sich Herr Adler ohne Zweifel ein nicht zu unterschätzendes Verdienst erworben, und der Beifall, den die Aufführung erhielt Herr Adler wurde am Schlusse gerufen wird ihm bewiesen haben, daß seine Arbeit keine undankbare war.

Die Adlersche Bearbeitung zeigt uns Julian in den mannigfachsten Phasen seines interessanten Lebens. Wir beobachten den Prinzen, wie wir oben schilderten, in den ersten Zweifeln über das Christenthum, und der Mystiker Maximus macht uns dann die allmähliche seelische Umwandlung Julians vom Christen zum Heiden durch seine starke Beeinflußung begreiflich. Zwei Acte, der zu Ephesus und der in Vienna spielende, sind voller Mystik. In Ephesus verkündet in einem Symposion mit Geistern dem Julian eine Stimme, daß er «das Reich» gründen solle, und als darauf Maximus vom dritten Reiche gesprochen hat und die unsichtbaren Gäste bei dem Gelage, «die drei Ecksteine unter dem Zorne der Nothwendigkeit», die «großen Helfer in der Verleugnung», citiren will, erscheinen Kain und Judas Ischariot, und da der dritte nicht erscheint, erklärt Maximus, derselbe sei noch nicht unter den Schatten, er sei einer von ihnen beiden Julian, der Gründer des Reichs! In Vienna wird Julian durch eine heidnische Opferceremonie, zu der ihn Maximus unter die Katakomben geführt hat, bestimmt, den Kaisertitel, den ihm die Soldaten schon angeboten, anzunehmen und gegen Konstantius zu ziehen. In diesen mystischen Vorgängen ist Manches so geheimnißvoll, daß es auf den Ibsen der späteren Zeit hinweist, von dem sonst in dem Stücke wenig zu spüren ist. Endlich werden wir nach Antiochia und auf die Ebenen jenseits des Tigris geführt und sind Zeuge, wie das unduldsame Regiment des Heiden Julian die Christen zu einmüthigem Zusammengehen und zur Empörung gegen den vom Cäsarenwahnsinn befallenen Kaiser herausfordert. Julian, den das Grübeln über die Worte Christi: «Gieb dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!» dazu bestimmt hat, sich zum Gotte zum Gott-Kaiser zu erklären, fällt unter der Lanze seines Jugendfreundes, des Christen Agathon, dem er Angesichts des Todes zuruft: «Du hast gesiegt, Galiläer!» Diese Worte würden den wirksamsten Schluß zu dem Werke bilden, sofern Ibsen allein dem Christenthume den Sieg geben wollte. Der oben dargelegten Tendenz entsprechend führt jedoch der Dichter den Schlußact noch weiter, um Maximus erkennen zu lassen, daß Julian nicht das rechte Werkzeug gewesen sei, und um ihn so zu der Erklärung zu berechtigen, das dritte Reich werde dennoch kommen!

Von den Darstellern fiel die Hauptaufgabe Herrn Taeger zu, der den Julian meisterlich gab. Auch den Ausbruch des Wahnsinns wußte er eigenartig zu schildern. Auch wurde Herr Borcherdt seiner Rolle als Mystiker Maximus allenthalben gerecht. Heute gebricht es uns jedoch an Raum, auf die Darsteller des Näheren einzugehen. Wir kommen noch auf ihre Leistungen, die Scenerie rc. zurück.
Arthur Gadebusch.


(9. desember 1896)

Theater.

A. G.   «Kaiser und Galiläer».   Ueber den politischen und philosophischen Inhalt von Ibsens großem Doppeldrama «Kaiser und Galiläer» sprachen wir am Montag; heute kommen wir auf die fesselnde Szenerie und die Darsteller zurück. Der dritte Akt der Adlerschen Bearbeitung es ist dies der fünfte Act des ersten Theils des Werkes schließt mit einem überwältigenden theatralischen Effect. In einer nur von einer Hängelampe erleuchteten Katakombe steht der zaudernde und von Zweifeln geplagte Julian soll er sich die Kaiserwürde anmaßen, soll er abfallen von der christlichen Kirche und es gründen das dritte Reich, von dem Maximus gesprochen? Da steigt er hinab in ein unterirdisches Grabgewölbe, die Opferbinde um die Stirn gewunden, das Schlachtmesser in der Rechten, und als er mit blutbespritzten Händen wieder emporkommt und das altheidnische Opfer verrichtet hat, da ist es entschieden die Würfel sind gefallen. Mit trotzigen Worten wendet er sich gegen das Christenthum und will die Chöre verstummen lassen, die droben in der Kirche erschallen. «Führe uns nicht in Versuchung!» tönt der Chorgesang. Da schlägt Julian die Kirchenthür weit auf eine Fluth von Licht ergießt sich aus dem hellerleuchteten Heiligthume in die Katakombe. Schaaren von Andächtigen knieen rings um den Sarg der Fürstin Helena, Julians untreuen Weibes. «Mein ist das Reich!» schreit der abtrünnige Julian «Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit» tönt es vom Chor zurück «Es lebe Kaiser Julian!» rufen die Soldaten, und der Chor beendet: «in Ewigkeit; Amen!» Es ist nur ein Theatereffect, aber ein großer, gewaltiger, ein Effect voller teuflischer Satire, wenn man an das Ende Julians denkt und an seine letzten Worte: «Du hast gesiegt, Galiläer!» Von dem in Ephesus spielenden Acte, der die Erscheinungen Kains und Judas Ischarioths bringt, sprachen wir schon. Die Regie hat hier mit großen Mühen og großem Geschick gearbeitet, um die Lichteffecte richtig spielen zu lassen. Daß die Tänzerinnen im Hintergrunde während der mystischen Vorgänge nur matt erleuchtet erschienen, hat uns sehr gefallen. Herr Adlers Vorgänger würde da eine grelle Beleuchtung vorgezogen und so die Wirkungen im Vordergrunde verpufft haben. Die Kaiserproclamation durch die Soldaten bietet gleichfalls einen starken scenischen Effect, ebenso wie der Fluch, den der Bischof von Chalcedon über Julian ausspricht. Die letztere Scene war gut gelungen bis auf den zusammenstürzenden Tempel in der ersteren mangelte es etwas am Aufwande, doch geben wir auf die übertriebene Meiningerei nicht viel. Reizende Scenen bringen die letzten Acte, so vor Allem eine Mondscheinlandschaft mit hohem Gestrüpp, dunklem Gewässer und fliegenden weißen Wölkchen. Das war echt künstlerisch gemalt, ebenso wie die Ruinen des Apollotempels. Daß von den Darstellern Herrn Taeger die Hauptaufgabe zugefallen war, sagten wir schon. Durch die Zusammenziehung des zehnactigen Werkes auf sechs Acte hat die Kleinmalerei bezüglich der üblen Charakter-Eigenschaften des Julian im Umfange etwas eingebüßt, aber keineswegs zum Nachtheile der dramatischen Wirkung. Herr Taeger hat dies sehr richtig herausgefühlt und uns mit allen verquickten Virtuosenmätzchen glücklich verschont. Groß und schlicht, maßvoll und doch eindringlich in den Wahnsinnsscenen so bot sich uns seine Darstellung dar, und das Publicum war ihm dankbar dafür, daß er sich nicht in Manieriertheiten verlor. Ebenso zeichnete sich Herrn Borcherdts Mystiker Maximus durch ein schlichtes und doch gewichtiges Spiel aus. Die übrigen Rollen treten gegen die beiden Hauptrollen des Julian und des Maximus wesentlich zurück, doch boten sie manchem Darsteller Gelegenheit zur Entfaltung schönen Könnens. So glänzte Herr Körner durch meisterliche Charakterisirung des Kaiser Konstantius, Herr Thiele durch eine hoheitsvolle Darstellung des Bischofs von Chalcedon. Sein Fluch hatte eine gewaltige Wirkung. Seine darstellerische Vielseitigkeit bewies Herr Hänseler in der tiefernsten Rolle des Christen Agathon. Auch er verstand es, den Wahnsinn maßvoll zu schildern. Frl. Laues Fürstin Helena gab einen neuen Beweis der schönen Fähigkeiten der Dame. Mit männlicher Kraft und Ueberzeugungstreue trat der Heerführer Jovian des Herrn Otto vor das Publicum. Eine lange Reihe weiterer guter Leistungen schloß sich den erwähnten an.
Publisert 9. apr. 2018 08:57 - Sist endret 9. apr. 2018 08:57