Fritz Mauthner

Kejser og Galilæer på Leipziger Stadttheater anmeldt av Fritz Mauthner i Berliner Tageblatt 7. desember 1896 (Nr. 622, XXV. Jahrgang).

Ibsens «Kaiser und Galiläer».

Leipzig, 6. Dezember.

Länger als vier Stunden hatte die Aufführung des Dramas gedauert; und wieder länger als vier Stunden saßen nachher trinkbare, auch sonst akademisch gebildete Herren beisammen und wurden nicht müde, Werk und Darstellung durchzusprechen. Man muß sich erinnern, wie rasch gewöhnlich eine Theaterwirkung schon auf dem Heimwege vergessen wird, um in so einem erregten Nachtgespräch das Maß des geistigen Erfolges zu erblicken. Alle Verehrer Ibsens können also dem Regisseur des Leipziger Stadttheaters, Herrn Leopold Adler (früher am Schillertheater thätig), dankbar sein für seinen Versuch, das weltgeschichtliche Schauspiel «Kaiser und Galiläer», das vor mehr als zwanzig Jahren vollendet, aber noch niemals und nirgends aufgeführt worden war, für die Bühne zu erobern. Es fragt sich nur, ob es bei diesem interessanten Versuch bleiben, oder ob die sorgsame und bei aller Rücksichtslosigkeit konservative Einrichtung auf andere deutsche Bühnen übergehen werde, ob «Kaiser und Galiläer» ein Theaterstück geworden sei.

Der sonst so lakonische Ibsen ist in diesem Werke so redselig, daß eine Aufführung der beiden Theile (von je fünf Akten) an zwei Abenden keinen Erfolg versprach; es war eine Verkürzung von zehn auf sechs Akte möglich. Doch blieben noch zwei Schwierigkeiten zu besiegen: die tiefsinnigen Grundideen zu erhalten und den höchst komplizirten Charakter der Hauptfigur verständlich zu machen.

Was zunächst den zweiten Punkt betrifft, so hat Ibsen den Kaiser Julian porträtähnlich zu zeichnen gewagt. Dieser philosophische Kaiser, der unmittelbar, nachdem das Christenthum zur Staatsreligion erhoben war, den alten Glauben wieder einzuführen suchte und den neuen Glauben verfolgte (mehr mit seinem Spott und mit seiner Verachtung als mit Gewalt), ist einer der merkwürdigsten Männer der Geschichte geblieben. Die Kirchenschriftsteller haben ihn als den «Abtrünnigen» verflucht; das antichristliche achtzehnte Jahrhundert hat ihn verherrlicht. Dann kam ein neuer Rückschlag. D. F. Strauß sah in ihm den Romantiker auf dem Throne der Cäsaren und verglich seine unfruchtbaren Anstrengungen, gegen die neuen Ideen durch Bevorzugung der alten Kirche anzukämpfen, mit der kirchlichen Reaktion unter Friedrich Wilhelm IV. Biographisches Material über Julian wurde gesammelt, und Ibsen fand es vor. Er zeichnet den Abtrünnigen, getreu nach den Quellen, als ein Gemisch von Größe und Komödianterei; Julian war in Wirklichkeit ein genialer Feldherr und ein sehr witziger Schriftsteller, daneben kleinlich, boshaft, bis zur Lächerlichkeit eitel, abergläubisch und selbstbewußt. Seine Religion war nicht das alte Heidenthum; einen phantastischen, freigeistigen Sonnenkultus hatte er sich ausgedacht, dessen Sonnengott er selber war. Es war der Kaiserwahnsinn eines geistreichen Mannes. Ibsen hat keinen der kleinen historischen Züge verschmäht: nicht die körperliche Unsauberkeit, über welche Julian in einer witzigen Selbstpersifflage gelacht hat, nicht seinen Hang zu mystischen Unklarheiten, die man heute Spiritismus u. dergl. nennen würde. Man glaubt mitunter, einen naturalistisch geschilderten Wallenstein vor sich zu haben. Es wäre für die besten Schauspieler eine Aufgabe allerersten Ranges, diesen schrullenhaften Helden zu verkörpern; vielleicht wäre Mittenwurzer der rechte Mann dafür. Der Leipziger Darsteller, Herr Taeger, verfehlte die Rolle nur insofern nicht, als er auch nicht die kleinste Anstalt machte, den Julian zu charakterisiren. Er spielte ihn, als wäre er ein Heldenliebhaber von Theodor Körner; das Publikum, das seinen Taeger lieb hat, erfuhr wenig von Ibsens dichterischen Absichten.

Was nun die geschichtsphilosophischen Ideen betrifft, so hat Ibsen Realismus und Symbolismus, die sich in seinen letzten Werken durchdringen, in «Kaiser und Galiläer» durch einander geschüttet, damals noch ein unreifer Künstler. Er sagt einmal, der Julian sei das erste Werk, daß er unter dem Einfluß des deutschen Geisteslebens geschrieben habe. Gewiß, aber er stand dabei unter dem Banne Hegels und seiner radikalen Schülergruppe. Was die Geister selbst oder durch den Mund des Todtenbeschwörers Maximus verkünden, ist die Lehre vom dritten Reich. Maximus weiß, daß das erste Reich, das sinnlich-schöne Hellenenthum, durch das zweite Reich, das Christenthum, überwunden worden ist; das dritte Reich soll eine Versöhnung der Gegensätze sein. Die Zeit ist reif; denn die alte Schönheit ist nicht länger schön, die neue Wahrheit ist nicht länger wahr. Das Werkzeug des dritten Reichs soll Julian werden, zu seinem eigenen Fluch; er ist einer von den drei Verleugnern, den «drei Ecksteinen unter dem Zorne der Nothwendigkeit», die alle nur wollten, was sie wußten. Der erste Verleugner ist Kain, der Kain Byrons eigentlich, mehr gefallener Engel als Teufel; der zweite ist Judas, im Sinne Hebbels «der allergläubigste der Jünger»; der dritte ist Julian der Abtrünnige. Das sind noch die klarsten der bewegenden Ideen; ich gestehe, daß mir die weiteren Tiefsinnigkeiten Ibsens (über die Einheit von Freiheit und Nothwendigkeit, also über Julians Schuld) trotz einiger Neigung für solche Wortgebäude räthselhaft geblieben sind. Wie bei Hegel bewegen sich die Begriffe nur selbst, uns bewegen sie nicht. Jedenfalls konnten sie das Publikum nur andächtig stimmen, es nicht in der Seele packen.

So blieb der Charakter Julians durch die falsche Auffassung, der geistige Gehalt des Dramas durch die Unfaßbarkeit ohne die rechte Wirkung. Und es zeugt für den außerordentlichen Bühnensinn des Dichters, daß trotzdem der bloße Vorgang, das dargebotene Bild in einigen Akten mächtige Wirkung übte. Zwar der erste Akt, in welchem der verängstigte Julian heuchlerisch am Hofe seines blutigen Vetters lebt, ging fast spurlos vorüber. Aber schon die Geistererscheinungen des nächsten Aktes fesselten; und wie Julian sich im dritten Akte von den Soldaten zum Kaiser ausrufen läßt, das erinnerte nicht nur in der nachgeahmten Technik, sondern auch in der Kraft beinahe an die berühmte Forumszene aus Shakespeares «Julius Cäsar». Noch stärker ergriff der Schluß des vierten Aktes, der im Original der Schluß der erstes Theiles ist: der Abfalls Julians vom Christenthum, wo sich in grandiosem Gegensatz Kaiser und Galiläer gegenüberstehen, wo in der Kirche das Vaterunser gesungen wird, wo Julius fast blasphemisch dazwischen ruft: «Mein ist das Reich!» und der Chor erwiedert: «Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit!»

Der zweite Theil, den Herr Adler sehr geschickt zusammengezogen hat, brachte es zu keinem Eindruck mehr. Doch glaube ich, daß noch eine brutale Kürzung (der philosophischen Gespräche) die Ermüdung der Zuschauer verhindern, daß die reicheren Mittel des Schauspielhauses oder des Deutschen Theaters den fünften Akt mit seiner etwas opernhaften Christenverfolgung und seinem rächenden Erdbeben steigern könnten, und daß endlich der Tod Julians mit dem berühmten «Du hast gesiegt, Galiläer!» nicht so stimmungslos zu bleiben brauchte, wie gestern in Leipzig.

Daß die Frage entstehen kann, ob das fromme Hoftheater oder das gottlose Deutsche Theater in Berlin den Versuch wiederholen solle, ist übrigens bezeichnend für den skeptischen Geist Ibsens. So ganz sicher weiß man nämlich nicht, was mit dem dritten Reiche gemeint sei; es wird wohl von dem Gefühl des Zuschauers abhängen, ob ihm das Stück als christliches Stück erscheint oder nicht. Es würde im Hoftheater als Verurtheilung des Abtrünnigen empfunden werden, im Deutschen Theater als seine Apotheose.

Fritz Mauthner.
Publisert 9. apr. 2018 09:37 - Sist endret 9. apr. 2018 09:37