Otto Neumann-Hofer

Lille Eyolf ved Deutsches Theater i Berlin anmeldt av Otto Neumann-Hofer i Berliner Tageblatt 13. og 14. januar 1895.
(13. januar 1895)

Feuilleton.

O. N.-H.  Das Deutsche Theater hatte gestern Abend die Ehre, Ibsens jüngstes Werk, «Klein Eyolf» zum ersten Mal auf die Bretter zu bringen – früher noch, als das Stück auf irgend einer Bühne in des Dichters Vaterland erscheinen konnte. Ibsens Wunsch war es gewesen, zu dieser seiner neuesten Première nach Berlin zu kommen; aber – so theilte Herr Direktor Dr. Brahm nach dem ersten Aufzug vor dem Vorhange mit – die Vorbereitungen zur ersten Aufführung des Dramas in seiner Heimath hätten seine Absicht vereitelt. Die Aufnahme Klein Eyolfs durch unser Publikum – nur über diese heute einige Worte – war gestern, wie üblich bei den Stücken aus Ibsens letzter Periode, getheilt. In zwei Heerlager theilt sich der Zuschauerraum. Es ist das Geschick und der Vorzug überragender Erscheinungen, Parteien zu erwecken. Die Ibsen glühend verehren, die den Dichter achtungsvoll anhängen, die ihn kühler würdigen, die, denen er auch nur eine «interessante Erscheinung» ist, die endlich, die die moderne Mode mitmachen, sie bilden die tapfere und ausdauernde Schaar der Beifallspender, die ihn hassen, die ihn nicht verstehen, die ihn als dunkel oder gekünstelt oder unmoralisch befehden, die allerdings nicht so tapfere und ausdauernde Schaar der Zischer. Nach dem ersten Akt nur Beifall, nach dem zweiten Beifall, mit schüchternem Zischen untermischt. Der dritte Akt machte den Gegnern Muth. Die häufige Wiederholung des abstrakten Schlagworts «Gesetz der Umwandlung» brachte sogar einmal das nur für Berliner Premiéren bezeichnende höhnische Lachen zu Wege. Am Ende des dritten Aufzuges rangen eine kurze Weile Beifall mit Zischen, der Beifall behielt indessen bald den entschiedensten Sieg, den Herr Dr. Brahm übrigens sofort dem Dichter telegraphiren zu wollen erklärte. Den Inhalt des Dramas kennen unsere Leser aus meiner kürzlich hier gegebenen Analyse; auf die Darstellung durch die Damen Sorma, Zipfer, Wilbrandt-Baudius und die Herren Reicher und Rittner komme ich morgen zurück.



(14. januar 1895)

Theater.

O. N.-H.  Ibsens Klein Eyolf ist im Deutschen Theater mit vielem Fleiβ und Aufmerksamkeit einstudirt worden. Man merkte es der Inszenirung an, daβ zu diesem Stück die Direktion ein Herzensverhältniβ hat. Einst war Herr Dr. Brahm der kritische Paladin Ibsens, heut strebt er, sein dramaturgischer zu sein. Klein Eyolf wegen entschloβ er sich sogar zu einem persönlichen Debut – als Vorhangsredner -, und wenn er beim ersten Versuch noch befangen war wie ein kleines Mädchen, so wirkte die Wärme nur noch überzeugender, die durchbrach, als er von dem Alten aus dem Norden sprach. Wie sorgfältig waren die Bühnenbilder arrangirt! Insbesondere hübsch war die Fjordlandschaft des zweiten Aktes gerathen. Nur die Fahnenstange im dritten Akt wirkte kleinlich. Weiter nach hinten gerückt, in nebelhafter Perspektive, würde sie vielleicht eindrucksvoller das Symbol für Allmers und Ritas neues Leben markiren. Und für die Rollenbesetzung waren gar zwei Schauspielerinnen neu engagirt. Lauter Namen besten Klanges standen auf dem Theaterzettel. Und war nun auch die Vorstellung gut? Vielleicht – vielleicht auch nicht. Denkt man an jede Einzelheit, so war alles trefflich. Denkt man aber an das Ganze, an das Ganze des Stückes wie der einzelnen Rollen, so hat man die Empfindung, daβ nicht alles das herausgebracht wurde, was man in das Stück und in die Rollen – vielleicht nur hineingelesen hatte. Mit einer Ausnahme freilich: Herr Rittner war ganz der thatenfrohe, freimüthige Wegebaumeister Borgheim, «wie er im Buche steht», ein «fröhlicher Bursch», dessen Sache Kummer und Trauer nicht ist. Deswegen will ich aber Herrn Rittner nicht vor seinen Partnern loben. Er hatte nur die leichteste Aufgabe: die Aufgabe, einen einfachen Charakter zu zeichnen, der dem «Gesetz der Umwandlung» nicht unterworfen ist, eine Rolle zu spielen, die in jedem Augenblick unzweideutig ist. Aber die Andern? Zuerst nenne ich Frau Sorma. Sie spielte die Rita Allmers. Sie gab sowohl hinsichtlich des Reichthums der schauspielerischen Mittel als auch hinsichtlich der Energie der Empfindung die bei weitem eindrucksvollste Leistung des Abends. So lange Rita sich selbst noch treu ist, das instinktstarke Weib bleibt, das wie eine Liebesgläubigerin vor ihren Mann hintritt, eifersüchtig auf alle Lebenden und Todten ist, das ihren Gatten fesseln könnte, auf seine Arbeit, seine Schwester, ja ihr eigenes Kind – so lange giebt, von einigen zu heftigen Grimassen abgesehen, Frau Sorma die lebensvollste Rita. Nun wird sie vom «Gesetz der Umwandlung» berührt: ihre glühende Energie wechselt das Ziel; es ist nicht mehr der Mann, es ist eine philanthropische Thätigkeit, auf die sie sich richtet; – und der Weg dahin führt durch Gewissensbisse, durch Anklagen und Selbstanklagen, durch Ertödten von Instinkten, durch Erwecken neuer Neigungen, kurz, es ist ein so dunkler und gewundener Weg, daβ man zweifeln kann, ob er je von einer Darstellerin gefunden werden wird. In jedem einzelnen Moment glaubt man Frau Sorma; aber daβ die Rita am Schluβ, die den Blick nach oben, zu den Sternen, zur groβen Stille erhebt, dieselbe sei, wie die Rita, die ihren Gatten mit weiβen Gewändern und Champagner lockt, dürfte man auch Frau Sorma schwerlich glauben. Aber vielleicht nur deswegen nicht, weil es überhaupt nicht glaublich zu machen ist. – Herr Reicher scheint sich zu sehr in den Allmers hineingetüftelt zu haben, als daβ er im Stande gewesen wäre, ein einheitliches plastisches Bild des Allmers zu gestalten. Die Gestalt löste sich in Einzelzüge auf, und diese Einzelzüge trugen meistens wohl einen zu weichen, zerflieβenden Charakter. Schon die Maske war zu glatt, gleichsam öligt. Und doch dürften wir schwerlich einen Schauspieler haben, der befähigter wäre, dem Allmers beizukommen. – Und nun die beiden neuen, uns so wohlbekannten und herzlich willkommen geheiβenen Kräfte. Frau Martha Zipfer, die ihren schauspielerischen Ruf in einer Ibsenrolle am Residenz-Theater gewann, gab die Asta; sie gab sie korrekt, nichts mehr. Am besten sagt man wohl: Frau Zipfer war nach der jahrelangen Entfernung von der Bühne auf ihrem alten Boden noch nicht wieder warm geworden. Asta ist eine Meisterin darin, ihre starke Empfindung unter ruhiger Abwehr zu verbergen. Man sah die Ruhe und die Abwehr, aber nicht die Empfindung. – Die groβe Ueberraschung des Abends war es, Frau Auguste Wilbrandt-Baudius, die Vortreffliche, auf der Bühne wiederzusehen. Und in einer der ungewöhnlichsten Rollen, der Rattenmamsell. Wer möchte es Frau Wilbrandt verargen, daβ sie, nach langer Pause wieder auftretend, den Wunsch verrieth, zu zeigen, daβ sie noch virtuos ihre schauspielerischen Mittel beherrschte? Sie nuancirte beinahe jedes Wort sehr stark. Man sah eine Schauspielerin von sicherem Können, man sah aber keine menschlich glaubhafte Rattenmamsell. Wieder entsteht freilich die Frage: Kann diese Rattenmamsell menschlich glaubhaft gemacht werden?

In dem jungen Hans Pauli besitzt das Deutsche Theater einen Schüler, der die gewiβ nicht leichte Rolle des neunjährigen Klein Eyolf überraschend gut sprach.

Publisert 9. apr. 2018 12:58 - Sist endret 9. apr. 2018 12:59