Signaturen «W.»

Når vi døde vågner på Hoftheater i Stuttgart anmeldt av signaturen «W.» i Stuttgarter Neues Tagblatt 27. januar 1900.

K. Hoftheater.

Zum erstenmal: Wenn wir Toten erwachen, dramatischer Epilog in 3 Akten von Henrik Ibsen.


Der große norwegische Dichter und Denker hat uns in seinen Dramen schon vielerlei dunkle Rätsel aufgegeben. Auch sein jüngstes Werk, mit dem er die lange Reihe seiner soziologischen Thesen- und Problemstücke abschließen will und das er daher einen dramatischen Epilog nennt, ist voller Rätsel und Geheimnisse. Die gedankentiefe Symbolik dieses schwermütigen Schwanengesangs wirkt zugleich anregend und befremdlich, fesselnd und verwirrend. Ibsen spricht zu uns in einer eigenen Runensprache, deren mysteriöse Bilder und Zeichen die verschiedensten Deutungen zulassen. Allerlei persönliche Bekenntnisse, Stimmungen und Empfindungen aus dem eigenen Dichterleben sind in den dramatischen Epilog kunstvoll eingewoben. Ernste und satirische Offenbarungen wechseln mit düsteren und schwerverständlichen Grübeleien. Zu tiefen Abgründen des Lebens, des Denkens und Fühlens lockt uns der Dichter. Die geheimsten Falten einer leidgequälten Künstlerseele sucht er dabei aufzudecken. Melancholisch zieht sich durch die Dichtung die bittere Klage über das verträumte Leben.

Prof. Rubek hat in seiner Jugend ein Skulpturwerk: «Der Auferstehungstag» geschaffen, dem er Ruhm und Reichtum verdankt. Ein herrlich schönes Weib, Irene, hat ihm dazu in freier, hüllenloser Nacktheit, mutig, freudig als Modell gedient. Sie liebte ihn mit allen Fasern ihres jungen Herzens; nicht nur Jugend und Schönheit, auch ihre ganze Seele bot sie ihm dar. Auch er fühlte sich mächtig zu ihr hingezogen, aber er bezwang seine Neigung, benutzte Irenes Idealgestalt nur zu seinen künstlerischen Zwecken und ließ das schöne Weib, das ihn zu seinem großen Werke begeistert, aus kleinlichen Rücksichten wieder von sich ziehen. Bitterer Schmerz überkam sie, als sie erkannte, daß er in ihr nie das Weib gesehen, sondern nur eine Schönheitsgöttin, deren freiwillig aus Liebe preisgegebene Nacktheit er begeistert nachschuf; sie haßte mit einemmal den Künstler, der so unbekümmert, so sorglos einen warmblütigen Leib nahm, ein junges Menschenleben, ihm seine Seele stahl, um ein Kunstwerk daraus zu machen. In wildem Trotze zog das beleidigte Weib in die Welt, in ein lasterhaftes und wüstes Leben hinaus, und allmählich geriet sie aus Schmutz und Schande in den geistigen Tod des Wahnsinns. Kaum hatte Rubek Irene verabschiedet, da wurde ihm klar, daß sie ihm doch mehr war, als er geglaubt, mehr als eine «Episode» seines Lebens. Sein Kunstschaffen ist von Stund an geringwertiger, ohne die rechte Weihe und Größe. Unzufrieden, mit sich selbst zerfallen, schafft er sich «als Notbehelf» ein Weib an, Maja, ein oberflächliches, genuß- und gefallsüchtiges Geschöpf.

Wenn das Stück anhebt, finden wir Professor Rubek mit Maja in einem norwegischen Kurort. Nach mehrjahrigem Aufenthalt im Auslande sind die beiden in die Heimat zurückgekehrt und langweilen sich da entsetzlich. Sie wissen längst, daß sie nicht zu einander passen und daß keines das andere versteht. Da tritt fast zu gleicher Stunde an jedes von beiden das Schicksal heran, an Maja in Gestalt eines kraftstrotzenden Naturmenschen, des derben Gutsbesitzers Ulfheim, und an Rubek in Gestalt seines ehemaligen Modells. Maja schließt sich rasch dem kühnen Jäger und Bergsteiger an. Sie ist ja des Künstlers, der nicht hielt, was er ihr zu bieten versprach, vollkommen überdrüssig, und Ulfheim ist so recht der Mann, wie er für ihre Bedürfnisse taugt, ein Kraftkerl voll brutaler Lebenslust und faunischem Humor, ein Freiluftmensch, nicht einer, wie ihr Künstler, der sie statt in die frische Bergluft und an die Sonne zu führen, in einen goldenen Käfig setzt. «Der Gefangenschaft Zeit ist vorbei!» jubelt es in ihr auf. Leicht und schmerzlos trennen sich die Ehegatten. Rubek, der Irene unter der Aufsicht einer Diakonissin als Rekonvalescentin wiedertrifft, fühlt bei ihrem Anblick seine Liebe zu ihr aufs neue emporflammen; denn Irene ist, wie sehr sie sich auch verändert hat, für den Künstler noch immer «das Weib, das er in seinen Träumen sah». Irene ist noch heftig erbittert gegen den Mann, der ihr Elend verschuldet; ihr Haß geht so weit, daß sie sogar das Messer gegen ihn zückt; aber als er nun sein Leid ihr klagt, seine tiefe Reue über das verlorene Leben ihr zu erkennen giebt, weicht allmählich ihr Groll. Voll heißer Sehnsucht fleht er sie an, das Leben aufs neue mit ihm zu beginnen. Allein sie schüttelt den Kopf; sie weiß, daß es zu spät ist. Ihr Herz ist tot. «Das Unwiederbringliche sehen wir erst, wenn wir Toten erwachen.» Nur eines bleibt den beiden Toten: der Genuß des Augenblicks. Darum ruft Rubek: «So wollen wir beide Toten ein einzigesmal das Leben auf die Neige kosten, bevor wir in unsere Gräber zurückkehren.» Und so steigen sie Arm in Arm empor «zum Licht und zu all der strahlenden Herrlichkeit auf den Berg der Verheißung». Trotzig erhobenen Hauptes klimmen sie zum Gipfel des Berges hinan dem verheerenden Schneesturm entgegen. Jäh rollt eine Lawine unter donnerndem Getöse mit rasender Schnelligkeit thalwärts und begräbt die beiden. Die Diakonissin, die immer Irene wie ein Schatten folgt, erscheint, bemerkt die Katastrophe, bekreuzt sich und spricht feierlich Pax vobiscum, zugleich hallt aus der Ferne Frau Majas jubelnder Freiheitsgesang. So endet Ibsens dramatischer Epilog.

Das eigentümliche Werk ist zu arm an dramatischem Leben und zu überladen mit dunkler Symbolik und philosophischen Betrachtungen, um starke Bühnenwirkung zu erzielen. Die langen, doppelsinnigen Auseinandersetzungen zwischen Rubek und Irene über Kunst und Liebe, Glück und Leid, Leben und Tod wirken in der Lektüre spannender als bei der scenischen Darstellung. Das Publikum fühlt sich von den endlosen Zwiegesprächen, deren eigentlicher Sinn zum großen Teil so schwer verständlich ist, mehr ermüdet als angeregt und gefesselt. In der Charakterzeichnung ist Ibsen in früheren Werken entschieden glücklicher gewesen. Dieser Bildhauer Rubek, der aus dem persönlichen Denken und Fühlen des Dichters entstanden ist, verrät wenig individuelle Züge, und die halb wahnsinnige Irene ist ein künstlich konstruiertes Phantasiegeschöpf. Lebensvoller ist das andere Paar geraten, der brutale Freiluftmensch Ulfheim und Maja.

Bei der gestrigen hiesigen Erstaufführung, die zugleich die erste in deutscher Sprache überhaupt war, hat Ibsens neues Werk einen sogenannten Achtungserfolg errungen. Die Stimmung der mäßig zahlreichen Zuschauerschar schwankte zwischen Interesse, Befremden und Langweile hin und her. Die dunkle Symbolik der Sprache, namentlich in den Scenen zwischen Irene und Rubek, veranlaßte häufiges Kopfschütteln. Wohl so mancher naive Zuschauer dachte bei sich: «Mir wird von alledem so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum.» Andere mochten wohl auch besorgt werden, von dem seltsamen Halbwahnsinn der schönen wandelnden Statue Irene angesteckt zu werden. Nur die unbedingten Ibsen-Schwärmer mögen das Theater mit befriedigtem Sinn verlassen haben. Ibsens Schlußdichtung wird nie und nimmer auf der Bühne sich dauernd erhalten. Das Theaterpublikum will lieber interessante Lebendige als erwachende Tote auf der Scene sehen, es zieht schlichte Klarheit dem grüblerischen Tiefsinn vor. Am besten gefielen gestern die Schlußscenen des 2. und 3. Akts, die von eigenartig schöner Stimmungswirkung sind.

Die gestrige Aufführung wies schöne Einzelleistungen auf, machte aber im ganzen noch den Eindruck des Unfertigen. Die Darsteller schienen sich stellenweise noch etwas unsicher und befangen zu fühlen, und das Zusammenspiel nahm einen zu schleppenden Gang. Die vier Hauptrollen lagen übrigens in sehr geeigneten Händen. Frl. Lißl, unsere künftige Heroine, gab die marmorblasse, geisteskranke Irene sehr schön und interessant. Sie gab sich die größte Mühe, die blutlose Gestalt uns menschlich nahe zu bringen. Ihre hohe, imposante Gestalt kam der Rolle sehr zu statten. Ihr eindrucksvoller Vortrag ward durch die Gemessenheit ihrer Bewegungen und die außerordentlich beredte Sprache des Auges charakteristisch unterstützt. Auch Herr Ellmenreich eignet sich sehr gut für die ihm zugefallene Aufgabe. Er spielte den leidgequälten, mit sich selbst zerfallenen Künstler schlicht und lebenswahr und nüancierte klug und verständig die tiefsinnigen Betrachtungen, die Ibsen dem Professor in den Mund gelegt. Herr Richter war in Gestalt und Wesen ein ganzer und rechter Bärenjäger, wie der Dichter sich ihn gedacht haben mag; er hob auch den faunischen Zug Ulfheims charakteristisch hervor. Frau Doppler gab die genußfrohe Maja teilweise noch zu scheu und tastend; sie darf getrost noch mehr aus sich herausgehen. Die Langeweile, die Maja an der Seite des Gatten fühlt, und später den Jubel über ihre Freiheit, brachte sie mit viel Natürlichkeit zum Ausdruck. Die übrigen Rollen sind ganz untergeordneter Art. Frl. Rossi stellte die mysteriöse Diakonissin, die nur drei Worte zu sprechen hat, aber dennoch eine gewandte Schauspielerin erfordert, mit der erforderlichen Ruhe und Würde dar und sprach den Schlußspruch mit wirksamer Feierlichkeit. Die kleine Rolle des Badearztes wurde von Herrn Jessen angemessen durchgeführt. Die Inscenierung machte einen günstigen Eindruck; das schwierige Bild eines Schneewehens, Nebelsteigens und Lawinengepolters in der wilden Hochgebirgslandschaft wurde möglichst natürlich vorgeführt.

W.
Publisert 6. apr. 2018 10:05 - Sist endret 16. apr. 2018 11:42