Anonym anmelder i Neue Freie Presse

Peer GyntDeutsches Volkstheater anmeldt i Neue Freie Presse i Wien 10. mai 1902 (Nr. 13545).

[Deutsches Volkstheater.] Die Aufführung von Ibsens «Peer Gynt», welche der Akademische Verein für Kunst und Literatur für heute Nachmittags veranstaltet hatte, war die allererste Aufführung des Stückes in deutscher Sprache. Wien kann sich fortan dieses Vorzuges rühmen. Daß sich das Werk für längere Zeit auf unserer Bühne einbürgern werde, läßt sich kaum hoffen. Der Gedankenballast, den es mit sich schleppt, ist eine zu schwere Bürde für den Gang über die Bretter. Doch zeigt sich der große Dramatiker in einigen Scenen, welche durch ihren rein menschlichen Inhalt eine tiefe Wirkung hervorbringen. Sie waren die Sonnenblicke der heutigen Vorstellung, die im Uebrigen ihr Publicum vom ersten bis zum letzten Augenblicke fesselte, wenn auch nicht immer erwärmte. Sie vermittelte uns die Bekanntschaft mit einem sehr erfreulichen Schauspieler: Herr Wiecke vom Dresdener Hoftheater gab die Titelrolle mit frischester Jugend und mit eindringlichem Verständnisse. Etwas mehr Innerlichkeit wäre wol da und dort zu wünschen gewesen. Die Rolle stellt aber in der That fast übermenschliche Ansprüche an den Darsteller. Von den Mitspielenden seien für heute Herr Heine, Frau Schmittlein, Herr Schmidt, Frau Körner, Herr Straßny und Herr Russek genannt. Herr Lewinsky als Dovrealte hatte sich die täuschende Maske Ibsens ausgewählt. Mit einem solchen Comödiantenscherz eine ernste Arbeit zu verklecksen, ist zum mindesten ein Geschmacksfehler. Die Vorstellung bot auch sonst allerhand Anziehung: Frau Gutheil-Schoder sang hinter der Bühne die Lieder Solveigs, und unter der Leitung ihres Gatten, Herrn Gutheil, wurde die wohlgesittete Musik, die Eduard Grieg zu dem Werke geschrieben, bestens ausgeführt natürlich, so weit die vorhandenen Kräfte reichten. Sogar der Theaterzettel stammte mit seinen Holzschnitten von Künstlerhand und war von Emil Orlik gezeichnet.

(...)

Morgen (Samstag), Nachmittags 2 Uhr, findet im Deutschen Volkstheater die einzige Wiederholung der vom Akademischen Verein für Kunst und Literatur veranstalteten «Peer Gynt»-Aufführung statt. Da Herr Gregori zu den Meisterspielen nach Berlin abreisen mußte, um daselbst den Faust zu spielen, hat Herr Heine die Rolle des Knopfgießers, Herr Retty den fremden Passagier übernommen.

Publisert 5. apr. 2018 13:18 - Sist endret 17. sep. 2018 10:18