Alfred Rosenberg

Forhåndsomtale i anledning av oppsetningen av Vildanden på Residenz-Theater, skrevet av Alfred Rosenberg i Die Post 4. mars 1888 (Nr. 63. XXIII. Jg.).

Die Wildente von Henrik Ibsen.

Wiederum hat sich ein Berliner Theater-Direktor, in der Meinung, daß die Gemeinde der Ibsen-Schwärmer die Blüthe unserer für literarische Interessen beseelten Gesellschaft darstelle, dazu verstanden, seine Bühne zur Aufführung eines der jüngsten Werke des norwegischen Grillensängers herzugeben, von welchem seine fanatischen Anhänger behaupten, daß er mit kühner Hand den Schleier von den «konventionellen Lügen der Kulturmenschheit» reißt, daß er mit unerbittlicher Wahrheitsliebe der modernen Gesellschaft, dem Volksthum der Gegenwart einen Spiegel vorhält, der das wirkliche Antlitz des einen wie des anderen wiedergiebt, und daß hinter der Sündfluth, die sein großartiger, alles vernichtender Pessimismus heraufbeschwört, die Sonne der höchsten Idealität aufgehen wird. Wer ohne den blinden Eifer der Fanatiker, welche das Heil für unsere Literatur und Kultur nur vom Auslande erwarten, die Ibsenschen Reformations-Dramen mit nüchternem Auge und voll Unbefangenheit betrachtet und nach dieser Betrachtung sich in seiner Umgebung umschaut, wird nicht zu der Ueberzeugung jener Geißelbrüder gelangen und diese Welt als die «schlechteste der Welten» ansehen, unsere Gesellschaft nicht als ein des Unterganges würdiges Rattennest von Lüge, Heuchelei und Verworfenheit verdammen.

Als wir einmal an dieser Stelle die von Ibsen geschilderten Zustände und Personen als speziell norwegische Eigenthümlichkeiten, als nationale Sittenbilder bezeichneten, die uns Deutsche nichts angingen, also auch auf uns nicht strafend und zur Umkehr ermahnend einwirken könnten, wurde uns von einer hier lebenden skandinavischen Schriftstellerin die Belehrung zu Theil, daß die gesellschaftlichen und sittlichen Verhältnisse Norwegens durchaus nicht so bedenklicher Natur wären, wie sie in den trostlosen Sittendramen Ibsens erscheinen. Wir wollen an dieser Versicherung keine Zweifel hegen, aber noch das eine hinzufügen, daß uns wieder von anderer Seite berichtet wurde, daß an den Orten, wo wirklich eine allgemeine Sittenverwilderung auch dem Auge des Reisenden offenbar wird, dieses öffentliche Mißgeschick minder tragisch genommen wird, als es in den dichterischen Erzeugnissen Ibsens der Fall ist.

Die deutschen Anhänger des norwegischen Sittenrichters haben denn auch behauptet, daß er nicht ein einzelnes Volk im Auge habe, sondern der ganzen europäischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten wolle, aus welchem ihr verabscheuungswürdiges Gesicht reflektirt, und es scheint auch, daß der Dichter, da er sich meist außerhalb seiner Heimath aufhält, den Zusammenhang mit derselben verloren hat. Fremd bleiben seine Gestalten uns Deutschen trotzdem. Wir finden nicht, daß in unserer Umgebung ein so vollkommener geistiger und sittlicher Marasmus um sich gegriffen hat, wie er für die Dramen Ibsens bezeichnend ist. Wir finden nicht, daß die Befriedigung sinnlicher Lüste das Endziel unseres Daseins geworden ist, und daß die Leute, welche am «akuten Rechtschaffenheitsfieber» leiden, bei uns das fünfte Rad am Wagen, oder, wie sich Ibsen ausdrückt, «der Dreizehnte bei Tisch» sind. Wir brauchen deshalb keine Heuchler zu sein, indem wir die Porträtähnlichkeit mit dem uns von Ibsen vorgehaltenen Spiegelbilde ablehnen. Auch bei uns in Deutschland giebt es unsittliche Verhältnisse, ungesunde und unhaltbare Zustände genug, wie sie in den Ibsenschen Dramen die Regel sind; aber wir müssen gegen diese Regel protestiren, gegen den Versuch, uns abnorme Verwickelungen als Typen, als bezeichnende Sittenbilder von photographischer Wahrheit aufdrängen und daraus die Berechtigung einer gründlichen Strafpredigt und Sittenreinigung von der Bühne herab herleiten zu wollen. Ja, wenn Herr Ibsen uns etwas Besseres zu bieten hätte! Aber sein dichterisches Geschäft scheint mit der radikalen Abwirthschaftung des Vorhandenen erledigt zu sein. Die Sonne geht bei ihm stets unter, ohne daß man auf ihre Wiederkehr vertröstet wird, und man hat die Empfindung, als erregte es ihm eine dämonische Freude, seine Zuhörer mit einem Gefühl zu entlassen, das man nicht anders bezeichnen kann als den Ekel an allem Bestehenden, den großen moralischen Katzenjammer der dem Betroffenen die Pistole oder das Glas mit Cyankali in die Hand drückt.

Einer der Träger Ibsenscher Lebensphilosophie, ein heruntergekommener Arzt, welcher mit einem an Trunksucht und eingeredetem Dämonismus leidenden Kandidaten der Theologie zusammenhaust, sagt in der «Wildente» einmal zu dem Idealisten des Dramas, welcher mit «idealen Forderungen» an die Gesellschaft herumgeht, d. h. der Wahrhaftigkeit das Wort redet und für Sittenstrenge eintritt: «Gebrauchen Sie doch nicht das ausländische Wort: Ideale. Wir haben ja das gute norwegische (resp. deutsche) Wort: Lügen!» Also das, was die Menschheit bisher für Ideale gehalten hat, sind nach Ibsen Lügen, und daß das nicht etwa eine leere Phrase ist, zeigt sich in den wenigen Stellen der Wildente, wo von Gott die Rede ist. Die idealen Güter der Kunst, Poesie und Wissenschaft scheinen für Ibsen nicht zu existiren. In der Gesellschaft, die Ibsen schildert, ist nur von guten Diners, von Weinen und Schnäpsen, von der Befriedigung sinnlicher Gelüste, selten oder niemals von denjenigen Dingen die Rede, welche uns Deutschen das Leben werth machen, gelebt zu werden.

Die Atmosphäre, welche in den Dramen Ibsens herrscht, unterscheidet sich nicht um ein Atom von derjenigen in den Zolaschen Schauspielen. Auf ihnen lastet die gleiche bleierne Schwere einer bis an die äußerste Grenze der Plattheit und Trivialität gehenden Ausdrucksweise, und nach der Lektüre der «Wildente» hat man dasselbe niederdrückende Gefühl geistiger Leere und Verödung wie nach der Aufführung von «Therese Raquin» oder «Renée». Die kleinlichsten, hausbackensten Alltäglichkeiten heften sich mit voller Wucht an die Füße des norwegischen Dichters, der sich übrigens in der detaillirten Schilderung aller Misèren und Verdrießlichkeiten eines beschränkten Daseins mit großem Behagen zu ergehen scheint.

Dieser philisterhafte Zug in Ibsens dichterischer Physiognomie wird ihn niemals zu jener Freiheit und Unabhängigkeit gelangen lassen, welche Grundbedingungen zur Lösung der sozialen Probleme sind, mit welchen sich Ibsen beschäftigt. Und es sind gar nicht einmal allgemeine Probleme, sondern verzwickte und verworrene Einzelverhältnisse, die den Ibsenschen Dramen zu Grunde liegen. Es widerstrebt uns, den Wust schmutziger Voraussetzungen zu entwirren, aus welchen sich in der «Wildente» eine tragische Katastrophe entwickelt, deren Nothwendigkeit nicht einmal hinreichend begründet wird, abgesehen davon, daß das Opfer, welches Hedwig, die Tochter des Photographen Hjalmar Ekdal durch ihren Selbstmord bringt, nicht seinen Zweck erreicht. Nur soviel sei bemerkt, daß der Großhändler Werle, ein Wüstling, unter den Augen seiner kranken Frau, die sich aus Kummer darüber dem Trunke ergiebt, Verhältnisse mit Haushälterinnen und anderen Dienstboten anknüpft, die er sich im Augenblick, wo sie ihm unbequem bleiben, auf geschickte Manier vom Halse zu schaffen weiß. Für eine von ihnen hat er den Photographen Hjalmar Ekdal auserkoren, den Sohn seines früheren Kompagnons, welcher, zum Theil durch Werles Verschulden, ins Zuchthaus gerathen und dann von Stufe zu Stufe gesunken ist. Hjalmar heirathet die Gefallene und führt mit ihr fünfzehn Jahre lang eine anscheinend glückliche Ehe, bis ihm von dem Sohne des Großkaufmanns, dem die Wahrheit über Alles liebenden Gregers, die Augen geöffnet werden, bis er einsieht, daß Hedwig nicht sein Kind ist und daß seine Frau die ganze Zeit hindurch den Haupttheil der Haushaltungskosten aus der Zubuße bestritten hat, welche ihr der Großkaufmann auf Grund seiner früheren Verpflichtungen gespendet. Gregers hat mit seiner Aufdeckung des Sachverhalts kein Unheil anrichten, keine Katastrophe herbeiführen wollen. Er wollte nur die Lüge aus dem Haushalt verbannen und dem Ehepaare «ein Leben, ein Zusammenleben in der Wahrheit und ohne jede Verheimlichung» im «Lichte der Verklärung» schaffen. Der Idealist wird aber zu seinem nicht geringen Schrecken gewahr, daß Hjalmar alle Anstalten trifft, die Sache tragisch aufzufassen. Er will mit seinem alten Vater die Wohnung verlassen, in welcher sie sich eine ganze Menagerie eingerichtet haben, zu deren Bestande auch eine Wildente gehört daher der Titel, der dann nebenbei noch symbolisch ausgelegt wird , er will fortan nur noch seiner «Erfindung» leben, einem Phantasma, welchem er seine ganze Zeit geopfert, während die trotz ihres Fehltritts sehr praktische und resolute Frau inzwischen das Photographiren und die Wirthschaft besorgt hat. Aber der haltlose Mann, dem diese Fürsorge während der langen fünfzehn Jahre sehr wohl gethan hat, besinnt sich am Ende eines anderen. Bei einer Tasse Kaffee und einem Butterbrote, die ihm seine Gattin zum Abschiede gereicht, neigt auch er sich einer praktischeren Lebensanschauung zu. Er klebt einen Schenkungsbrief des Großkaufmanns für seinen Vater und Hedwig, den er im ersten Unmuth in zwei Stücke gerissen, säuberlich zusammen, nachdem er zuvor erklärt, es noch ein paar Tage lang beim Alten lassen zu wollen. Der Mann ist ebenso jämmerlich, haltlos und in seiner moralischen Grundlage erschüttert wie alle andern in seiner Umgebung. Die Sache würde bei einer solchen Veranlagung des Charakters nunmehr alltäglich im Sande verlaufen, wenn der Idealist nicht im letzten Moment ein neues Unheil anrichtete. Er sucht Hedwig zu überreden, ihrem Vater, der nicht an ihrer Liebe glaubt, weil sie nicht sein Kind ist, den Beweis dadurch zu liefern, daß sie ihm ihr Lieblingsthier, jene Wildente, zum Opfer bringt. Aber Hedwig versteht die Geschichte falsch. Sie glaubt, ihrem Vater verhaßt geworden zu sein, und statt der Wildente erschießt sie sich selbst. Auch diesem traurigen Ereigniß sucht der Idealist die beste Seite abzugewinnen. Er spricht die Zuversicht aus, daß Hjalmar unter dem Eindruck des Erschütternden sich aufraffen und die große Erfindung, seine Lebensaufgabe, lösen würde. Das wäre immerhin ein Gewinn. Aber es würde gegen die pessimistische Lebensphilosophie Ibsens verstoßen, wenn er seine Zuhörer mit diesem Hoffnungsstrahl entließe. Der Mephisto des Stückes, jener Arzt, muß auftreten und dem unverbesserlichen Idealisten hohnlachend erklären: «Wie lange glauben Sie, daß die Herrlichkeit bei ihm anhalten wird? . . Keine dreiviertel Jahr, und die kleine Hedwig ist nur noch ein schönes Deklamationsthema für ihn. . . Wir wollen wieder mit einander reden, wenn das erste Gras auf ihrem Grabe vertrocknet ist. Dann können Sie ihn was ausbusten hören, «von dem Kinde, das dem Vaterherzen zu früh entrissen»; dann können Sie ihn sich einzuckern sehen in Rührung und Selbstbewunderung und Mitleid mit sich selbst».

Wir wollen die Existenz solcher Jammergestalten nicht in Zweifel ziehen und der rücksichtslosen Wahrheit der Schilderung unsere volle Anerkennung zollen. Aber wir lassen uns diese Art dramatischen Schaffens nimmermehr als Poesie oder gar als das Ideal der Zukunftspoesie aufreden. Wir sind der Ansicht, daß es die Aufgabe des dramatischen Dichters ist, «den tiefen Grund der Menschheit aufzuregen», aber nicht zugleich, alten Schmutz behaglich an die Oberfläche zu zerren, der im Grunde verborgen liegt. Wir wollen den sittlichen Ernst des Dichters nicht in Abrede stellen, aber wir meinen, daß seine Stoffe nicht auf die Bühne, vor die unbeschränkte Oeffentlichkeit gehören, sondern, wenn sie überhaupt Gegenstände künstlerischer Behandlung sein sollten, nur in Romanen gründlich durchgearbeitet und erörtert werden können. Wir protestiren endlich gegen diejenigen, welche uns dieses Gemisch aus Sittenlosigkeit und Philisterthum, aus französischen Sitten- und deutschen Schicksals- oder Zufallsdramen als eine originale Gattung poetischer Thätigkeit, als die neue Offenbarung eines Geistes von unergründlicher Tiefe und unerhörter Kühnheit anzugreifen sich erdreisten. Bei der vollen Anerkennung seines realistischen Talents wollen wir nur vor der maßlosen Verherrlichung eines Dichters warnen, dessen zerstörende Tendenzen, dessen radikale Verneinung doch auch ihre sehr bedenklichen und gefährlichen Seiten haben. An dieser Thatsache wird der Erfolg nichts ändern, der voraussichtlich am morgigen Sonntag der Aufführung von Ibsens «Wildente» im Residenz-Theater von seinen Anhängern bereitet werden wird.

A. R.
Publisert 20. mars 2018 13:28 - Sist endret 20. mars 2018 13:30