Theodor Fontane

Die Wildente på Residenz-Theater i Berlin, anmeldt av Theodor Fontane i forbindelse med gjenopptakelsen av oppsetningen 21. oktober 1888. Fra Causerien über Theater von Theodor Fontane. Hrsg. von Paul Schlenther. Berlin: F. Fontane & Co., 1905 s. 189–192).

Die Wildente.

21. Oktober 1888.
Matinée im Residenztheater.

«Die Wildente» machte einen noch tieferen Eindruck auf mich als die «Gespenster». Beiden Stücken gemeinsam ist die Wahrheit und Ungeschminktheit in der Wiedergabe des Lebens, beiden gemeinsam auch die pessimistische Weltanschauung. Alles ist eitel; wohin wir blicken, Phrasen, die wir uns gewöhnt haben «Ideale» zu nennen, Lügenideale, mit denen — so versteh’ ich Ibsen — als nächstes Menschheitsziel aufgeräumt werden muß. Erst wieder reinen Tisch; das andere wird sich finden. Und wenn sich’s nicht findet, lieber der Häßlichkeit ins Gesicht gestarrt als der Verzerrung, lieber der Sünde als der Gleisnerei. Beide Stücke haben dieselbe Doktrin. Aber auch die pessimistische Doktrin, wie jede andere, hat ihre Rubriken, und so sehr ich der Ibsenschen Gesamtanschauung zustimme, so doch nicht jedem Einzelparagraphen. Und ein solcher anfechtbarer Einzelparagraph bildet den Inhalt der «Gespenster» oder tritt wenigstens in den Vordergrund des Stückes. Es ist die Lehre von der Heimsuchung oder «der Väter Sünde der Kinder Fluch». Mir scheint aber die Bibel diese heikle Frage mit ihrem bis «ins vierte» und bis «ins tausendste» Glied nicht bloß trostreicher, sondern auch nachweisbar wahrer entschieden zu haben. Wo wären wir, wenn es anders läge! Behandle die Menschen nach ihrem Verdienst, und selbst der Beste kommt an den Galgen. Wir erstickten, wenn nicht der Wind wäre, und solch Geist der Auffrischung zieht durch die Menschheit und hält sie bei Existenz. Epidemien versagen plötzlich, das Miasma stirbt hin, und dementsprechend auch in der moralischen Welt. Die Gnade fällt der Vernichtung in den Arm, und wo Krankheit geboren werden sollte, blüht Gesundheit auf.

Rätselhaft für uns auch noch trotz Darwin; aber Rätsel oder nicht — die Tatsachen zeugen. Hieran ist Ibsen in den «Gespenstern» vorübergegangen und hat, wie das vielfach dem Realismus begegnet, das Vorhandensein auch freundlicher Realitäten übersehen. Von diesem Fehler ist die «Wildente» durchaus frei; was hier gepredigt wird, ist echt und wahr bis auf das letzte Tüttelchen, und in dieser Echtheit und Wahrheit der Predigt liegt ihre geradezu hinreißende Gewalt. Der Zweifel, der die Macht jedes Kunstwerks bricht — hier bleibt er aus; wir verharren vielmehr in derselben Stimmung von der ersten Szene bis zur letzten, und das Leben als solches feiert seinen künstlerischen Triumph. Es sei nichts, ein Stück Leben aus dem Leben herauszuschneiden, behaupten die, die’s nicht können, und behandeln die Sache so ziemlich nach der Analogie von Kattun und Schere. Aber weit gefehlt. Es ist das Schwierigste, was es gibt (und vielleicht auch das Höchste), das Alltagsdasein in eine Beleuchtung zu rücken, daß das, was eben noch Gleichgültigkeit und Prosa war, uns plötzlich mit dem bestrickendsten Zauber der Poesie berührt. Im zweiten Akt der «Wildente» sitzt die Ekdalsche Familie am Tisch, Mann, Frau, Tochter, und die Frau rechnet eben ihr Wirtschaftsbuch zusammen: «Brot 15, Speck 30, Käse 10, ja — ’s geht auf», und dabei brennt die kleine Lampe mit dem grünen Deckelschirm, und die Luft ist schwül, und das arme Kinderherz sehnt sich nach einem Lichtblick des Lebens, nach Lachen und Liebe — ja, das packt und erschüttert das Herz trotz zehn Pfennig Käse, und ein Jambentragödienschreiber, der aus Jugurtha und Catilina nie herausgekommen ist, er watet daneben umsonst durch Blut und Redensarten.

Und vielleicht das Höchste, sagte ich; freilich, vielleicht auch nicht. Diese Fragen sind in der Schwebe. Der, für den sie abgeschlossen sind, erscheint mir wenig beneidenswert. Das Gebäude der überkommenen Ästhetik kracht in allen Fugen, und auch von ihrer großen Mittelsäule darf gesagt werden: auch diese schon gestorben usw.

Es ist wahr, ein Stück wie die «Wildente» entläßt uns ohne Erhebung; aber muß es denn durchaus Erhebung sein? Und wenn es Erhebung sein muß, muß sie den alten Stempel tragen? Sind nicht andere Erhebungen möglich? Liegt nicht — des erschütternden Waltensehens unerforschlicher Schicksalsmächte ganz zu geschweigen — liegt nicht auch in der Unterwerfung eine Erhebung? Ist nicht auch Resignation ein Sieg? Und wenn das alles verneint werden sollte, haben wir in diesem Stück nur ein Niederdrückendes? Wird nur Menschenelend demonstriert und nur Verzicht auf Freud’ und Glück in den Vordergrund des Daseins gestellt? Bei längerer Betrachtung jedenfalls weniger, als es auf den ersten Blick erscheint. In Turgenjews letztem Romane «Neuland» verklingt auch alles trübe genug, und alle die, die wirr und unklar strebten, gehen zu Grunde; aber auf den einen, der allen Utopien feind ohne Phrasen einfach Nützliches und zugleich nächstliegend Menschliches ins Auge faßt, auf ihn fällt das Licht eines kommenden Tages. Und ähnlich auch in diesem Ibsenschen Stück. Zu Grunde geht die Prätension, die mit öden Redensarten die Welt reformieren will; aber die von Wissen und Können getragene Nüchternheit bewährt sich; und neben ihr kommt der nicht genug zu beherzigende Satz zu seinem Rechte: daß die Lebeleute, die sich zu fördern wußten (und wenn es selbst Schuld war, was sie förderte), lange nicht die schlimmsten sind und schließlich hilfreich und mitleidsvoll einspringend ihre Schuld entweder quitt machen oder sie doch mindern, im Gegensatz zu jenen unklaren Köpfen, die, während sie von «Idealen» sprechen, nur sich selbst meinen und, während sie von Weltverbesserung sprechen, nur ihrer Eitelkeit frönen wollen.

Publisert 20. mars 2018 13:34 - Sist endret 20. mars 2018 13:35